Selbsterfahrung

„Ich weiß nichts, ich kann nichts… aber aus mir wird auch noch was!” Angst – die Tür zu einem neuen Seinszustand

Als ich mit dem Fahrrad durch die Bahnunterführung fahre, fällt mein Blick auf ein Graffiti, das dort in roter Farbe gesprayt wurde:

„Ich weiß nichts,
ich kann nichts,
ich bin nichts,
aber aus mir wird auch noch was!”

Ich versuche mir den oder die Sprayer/in vorzustellen. Ist es ein Jugendlicher, der seinen „Platz in der Gesellschaft” noch nicht gefunden hat, vielleicht auch gar nicht finden möchte? Ist es ein zaghafter, ein hilfloser oder verzweifelter Mensch? Andererseits – ist es nicht ungeheuer mutig, was hier zum Ausdruck gebracht wird? Wer traut sich schon, so ungeschminkt in den eigenen Spiegel zu schauen?

Ich weiß nichts,
ich kann nichts,
ich bin nichts…

Ohne Umschweife wird hier über die fundamentale Urangst des Menschen gesprochen, die Angst, ein völliges Nichts zu sein, ohnmächtig, unwissend, schwach…
In knappen drei Zeilen wird hier alles Wesentliche auf den Punkt gebracht.
Menschliche Existenz heißt: Nicht-Können in höchster Potenz.

Dieser Mensch steht am Abgrund, aber er ist selbst an diesen Abgrund getreten und hat den Mut, hinunter zu schauen. Wird ihm nun schwindlig? Wird ihm der Abgrund unheimlich?

Un-heim-lich heißt nichts anderes als „nicht zu Hause sein”. Am Rande des Abgrundes kann das Un-heim-liche der menschlichen Existenz erkannt werden, das strukturelle „Nicht-zu-Hause-Sein” des Menschen. Das Erfahren von Angst und Unheimlichkeit hat somit nichts Pathogenes oder Krankhaftes an sich, es ist die ungeschminkte Wahrheit des menschlichen Lebens.

Der dänische Philosoph, Theologe und Schriftsteller Sören Kierkegaard (1813-1855) sieht in der Angst einen wesentlichen „Motor” für die Bewusstwerdung des eigenen Selbst. Durch Situationen der Verzweiflung und Angst wird der Mensch an seine eigentliche Berufung herangeführt und durchläuft dabei Stadien der Verwandlung. „Er wird nicht ein anderer, er wird er selbst.” Schrittweise erkennt er sein Nicht-Sein und Nicht-Können als „Naturwesen” und seinen eigentlichen Platz – sein wahres Zuhause – als „Geistwesen” im universellen Schöpfungsplan.

Für Kierkegaard ist Angst eine „Zwischenbestimmung”, so etwas wie ein „Übergangsmodus” auf dem Weg zur Freiheit. Angst wird immer dann erfahren, wenn man vor einer völlig neuen Situation steht und den „Schwindel der Freiheit” erfährt. Am Abgrund stehend wird gewissermaßen ein „Sprung ins Nichts” verlangt. Hierbei geht es darum, etwas zu können, von dem man nicht weiß, was es ist.
Andererseits wird Angst auch immer dann erlebt, wenn man den Sprung nicht gewagt hat, also den Übergang in eine neue Situation gewissermaßen verpasst hat. In diesen Gedanken kommt zum Ausdruck, dass Angst – wenn sie nicht übermäßig auftritt – etwas sehr Wertvolles und Konstruktives beinhaltet. Angst führt den Menschen auf den Weg innerer Wandlung. Sie ist eine Wurzel des Lebens. Was gestern noch „Lebensqual” war, kann morgen zur „Lebensquelle” werden.

Im „Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen” (Gebrüder Grimm), das über die ganze Welt hinweg in verschiedenen Varianten existiert, ist noch das Wissen um die entwicklungsfördernde Bedeutung des Angsthabens enthalten.

Es ist faszinierend zu beobachten, wie gerade in der heutigen Zeit neueste Forschungsergebnisse der Neurobiologie und der Hirnforschung (G. Hüther, Biologie der Angst) belegen, dass wir ein gewisses Maß an Angst, Herausforderung und Stress geradezu benötigen, um nicht immer in den gleichen festgefahrenen Bahnen zu denken und zu handeln. Nur wer immer wieder das Wagnis „eines Sprunges ins Nichts” eingeht, löst in seinem dopaminergen und noradrenergen System eine verstärkte Ausschüttung von Botenstoffen (Neurotransmittern) aus, die das Wachstum der Nervenfortsätze enorm beschleunigen und die Anpassung an die neue Situation erleichtern. Wenn wir dagegen starr oder unachtsam zu werden beginnen, wenn wir uns selbst überschätzen oder gegen einen Wandel sperren, geraten wir über kurz oder lang in unkontrollierbare Stress- und Angstreaktionen. Das System kollabiert. Durch verstärkte Cortisolausschüttung werden wir erst recht in Verzweiflung und Ohnmacht getrieben. Eingefahrene Nervenbahnen und Verschaltungsmuster im Gehirn werden dann auf die Dauer wie von selbst aufgelöst und destabilisiert.

„Der Gläubige besitzt das ewig sichere Gegengift gegen Verzweiflung: Möglichkeit. Denn bei Gott ist alles in jedem Augenblick möglich. Das ist die Gesundheit des Glaubens, die Widersprüche löst. Hier besteht der Widerspruch darin, dass menschlich gesprochen der Untergang sicher ist und es dann doch eine Möglichkeit gibt.” (S. Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode, S. 44) Auch diese Momente abgrundtiefer Verzweiflung und völliger Aussichtslosigkeit haben ihre Bedeutung. Sie bieten die Chance, das Ewige, das Unzerstörbare im tiefsten Inneren zu erfahren. Hinter der Form, hinter der Persönlichkeit wirkt noch etwas ganz Anderes, das durch nichts zu erschüttern ist. Keine Krankheit, kein Tod kann uns davon trennen. Haben wir den Mut, uns selbst zu verlieren, um unser wahres Selbst zu gewinnen? Dann erweist sich die Angst als eine Tür zu einem neuen Seinszustand:

Ich weiß nichts,
ich kann nichts,
ich bin nichts,
aber aus mir wird auch noch was…

„Meine Welt war wie zerbrochen,
Wie von einem Wurm gestochen,
Welkte Herz und Blüte mir;
Meines Lebens ganze Habe,
Jeder Wunsch lag mir im Grabe,
Und zur Qual war ich noch hier.
Da ich so im Stillen krankte,
Ewig weint´ und weg verlangte,
Und nur blieb vor Angst und Wahn:
Ward mir plötzlich, wie von oben,
Weg des Grabes Stein geschoben,
Und mein Innres aufgetan.
Wen ich sah und wen an seiner
Hand erblickte, frage keiner,
Ewig werd´ ich dies nun sehn;
Und von allen Lebensstunden
Wird nur die, wie meine Wunden,
Ewig heiter, offen stehn.”

(Novalis, Die geistlichen Lieder, IV, um 1800)
Gemäldedetail: Bettina Runge
Kommentare

Ihr Kommentar