Selbsterfahrung

Ibn Arabi und die Graugänse

Ich stand am Rand einer großen Wiese. Hunderte, vielleicht Tausende von Graugänsen schnatterten wild durcheinander. Es war ein ohrenbetäubender Lärm. Am nächsten Tag ging ich wieder an die gleiche Stelle und machte eine merkwürdige Beobachtung. Mir kam es so vor, als sei der Lärm geringer geworden, nicht leiser, aber irgendwie weniger chaotisch.

Am dritten Tag passierte dann etwas Wunderbares. Immer gleichmäßiger und einheitlicher wurde ihr Schnattern, es war, als würden sie sich nach und nach alle auf einen Rhythmus einigen. Nach einiger Zeit kam ihr Schnattern und Kreischen „wie aus einem Schnabel” und sie erhoben sich alle gleichzeitig in den Himmel und formierten sich zu einem riesigen Vogelzug.

Ich weiß nicht, ob das immer so abläuft, aber vielleicht ist dies auch nicht so wichtig. Jedenfalls fand ich es so faszinierend, dass die Gänse erst nach einem längeren Prozess, in dem sie sich aufeinander einstimmten, ihren Rhythmus synchronisierten, in die Luft flogen. Jeder musste etwas von sich aufgeben, jeder musste den anderen hören, bis sie schließlich einen gemeinsamen Rhythmus fanden, der ihnen vielleicht als Signal für den Aufbruch diente.

Unwillkürlich werde ich dabei an einen Satz von Ibn Arabi erinnert, einem Mystiker und Theosophen aus dem maurischen Andalusien des 13. Jh.:

Gott aber in seiner Einzigartigkeit bleibt unberührt von der Welt und ist ausschließlich durch Spiegelungen zu ahnen, und so erkennt Ihn jeder auf seine eigene Weise.

Mir wurde dieses Naturphänomen zum Symbol für einen Prozess, der auch in uns Menschen ablaufen muss. Heißt es nicht, dass Gott alle Dinge zu Symbolen macht, damit wir über die Wahrnehmung von Alltäglichem Größeres verstehen lernen? Wenn ich nur meinem eigenen Lied lausche, nur meiner eigenen Melodie und meinem eigenen Rhythmus folge, dann finde ich auf allen Ebenen des Lebens keine Harmonie. Keine Partnerschaft kann dann gelingen, das Miteinander-Arbeiten wird erschwert und Konflikte sind an der Tagesordnung.

Auf der geistigen Ebene ist es nicht anders. Es ist vielleicht wie bei den Graugänsen. Ich muss mich über das Alltagsbewusstsein erheben und mich auf meine innere Stimme einschwingen, muss in mich hinein lauschen, bis mir dann klar wird, was mir die bunte Vielfalt der Lebenssituationen in einem tieferen Sinne sagen will, bis ich mich innerlich verbunden weiß mit dieser Art der Sprache und mit allen, deren Seelenvögel sich erheben wollen in ihr ursprüngliches Lichtreich.

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