Philosophie

„Humanismus ist ein Aberglaube”

Der britische Philosoph John Gray (Autor des Werkes „Von Menschen und anderen Tieren – Abschied vom Humanismus”) gab im Spiegel Nr. 9/2010 ein Interview über den Fortschrittsmythos, die Suche nach dem Sinn der Geschichte und den menschlichen Hang zur Selbstzerstörung. Er führte unter anderem aus: „Mir geht es darum, die menschliche Beschränkung aufzuzeigen und anzuerkennen

Der Mensch hat keinen Anspruch auf eine gottähnliche Sonderstellung in der Natur. Deshalb plädiere ich für eine Abkehr von unserer Selbstüberhöhung, vom Anthropozentrismus, als könnten wir immer und überall die Herren unseres Schicksals sein. Wir Menschen können die Welt nicht retten, doch das ist kein Grund zu verzweifeln. Wenn Sie so wollen, drehe ich die berühmte elfte These von Marx zu Feuerbach um: Es geht nicht darum, die Welt zu verändern, sondern darum, sie richtig zu sehen.
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Es gibt keine Kohärenz, keinen Fortschritt in der Geschichte der Menschheit in der Art, wie Hegel und später Marx dies annehmen. Die Geschichte ist nicht die stetige Entfaltung der Vernunft.
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Das westliche Denken hat so etwas wie einen säkularen Monotheismus entwickelt. Die Idee des Fortschritts in der Geschichte ist der ins Säkulare gewendete Glaube an die Vorsehung. Im Judaismus, im Christentum hat die Menschheitsgeschichte einen Sinn, weil sie auf das Heil zustrebt. Aber dieser Sinn ist von Gott gegeben, wir können ihn nicht erkennen. Deshalb sollten wir demütig bleiben; es wäre geradezu gotteslästerlich, wollten wir den Anspruch erheben, Gottes Ziel in der Geschichte zu entschlüsseln und herbeizuführen.
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Ich behaupte, dass die Grundüberzeugung der Humanisten, die Geschichte der Menschheit sei eine Fortschrittsgeschichte, ein Aberglaube ist.
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Wir müssen uns von der utopischen Idee eines Idealzustandes, einer möglichen Vollkommenheit für die ganze Menschheit verabschieden.
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Wir sind nie vor der Barbarei gefeit. Deshalb ist jeder Fortschritt zweischneidig. Der Homo sapiens ist und bleibt immer auch ein Homo rapiens, ein Räuber mit ungeheurer destruktiver Kraft, der die Welt in den Untergang führen kann.
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Wissen macht uns nicht frei. … Seit Sokrates beruht das westliche Denken auf der Annahme, dass die Erkenntnis des Wahren unweigerlich zum Guten führt. Die Genesis der Bibel, der Mythos vom Sündenfall, sagt etwas anderes. Die Unschuld ist verloren, sie lässt sich nicht wiedergewinnen. Wir haben vom Baum der Erkenntnis gegessen, aber wir bleiben zu jeder Torheit und zu jeder Bosheit imstande.

Die Gewissheit, dass es kein Heil gibt, ist selbst das Heil, so hat es der Schriftsteller E.M. Cioran formuliert. Das Leben hat keine Bedeutung, die über es selbst hinausweist.
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Das richtige Leben kann nicht im Versuch bestehen, irgendein Ideal zu verwirklichen.
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Wer Visionen hat, sollte sich als Mystiker in die Einsamkeit der Natur zurückziehen.”

So weit einige Auszüge aus dem Interview. Die Gedanken berühren Grundfragen unseres Daseins und bei der beschriebenen Sichtweise verwundert es nicht, wenn John Gray – wie der Spiegel schreibt – einer der umstrittensten britischen Sozialphilosophen ist.

Aus der Sicht eines inneren Weges lohnt es sich, einige Bemerkungen zu seiner Weltsicht zu machen.

Vielleicht hat die Geschichte doch ein Ziel: nämlich Menschen hervorzubringen, die, wie John Gray, von tiefer Ernüchterung ergriffen sind und „die menschliche Beschränkung” aufzeigen. Der Mensch ist ein Naturwesen, eine Art hochentwickeltes Tier. Eine „gottähnliche Sonderstellung in der Natur” ist nicht zu erkennen. „Wir sind nie vor der Barbarei gefeit. Deshalb ist jeder Fortschritt zweischneidig.” Die Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt es überdeutlich. Und auch die Gegenwart. Täglich erfahren wir von Kriegen und von Barbarei, im Großen wie im Kleinen.

„Wir müssen uns von der utopischen Idee eines Idealzustandes … verabschieden.” Dem kann man bedenkenlos zustimmen, wenn man die uns bekannte Welt im Blick hat. Das Himmelreich kann hier nicht errichtet werden. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt”, sagte Jesus. Unsere Welt ist eine Welt des Unfertigen, alles in ihr gibt Anlass zu Kritik und zu eskalierenden Auseinandersetzungen. Immer sind Menschen da, die „es besser wissen”, und die die Dinge dann doch nicht vollenden können. „Die Geschichte ist nicht die stetige Entfaltung der Vernunft.” Man kann John Gray hierin zustimmen.

Ihm kommt es darauf an „die Welt richtig zu sehen”. Allerdings sind die Augen der Menschen verschieden und die inneren und äußeren Erfahrungen ebenfalls. Wenn Gray fordert, dass wir „demütig bleiben” sollen, dürfte dazu auch gehören, die eigene Sicht nicht zu verabsolutieren.

Nach meiner Erfahrung führt die Erkenntnis des „Wahren” unweigerlich zum Guten. Entgegen der Sicht von John Gray stimmt das auch mit dem Mythos vom Sündenfall überein. Die Richtigkeit dieses Mythos‘, den er offenbar auch anerkennt, ist sogar eine Voraussetzung für den Weg zum „Guten”.

Die Ernüchterung in Bezug auf unsere Welt und den in ihr herrschenden Fortschrittsglauben kann eine Tür öffnen. Wir haben unsere Unschuld verloren, in der Tat, und sind zu jeder Torheit und Bosheit imstande. Wir haben, wie es im Mythos heißt, vom Baum der Erkenntnis gegessen. Die Konsequenz ist, dass wir aus einem Lebensgebiet herausgefallen sind, das man Paradies nennt. Das geschah in einem Zustand des noch Unfertigen und … unfertig sind wir geblieben und bleiben es in unserer jetzigen Welt.

Wenn John Gray sagt, es wäre gotteslästerlich, wollten wir den Anspruch erheben, Gottes Ziel in der Geschichte zu entschlüsseln und herbeizuführen, dann schlägt er sich selbst eine innere Tür zu, bzw. verhindert, dass sie sich öffnet. Und das ohne Not. Wir können in das Paradies zurückkehren. Die Gnostiker haben dies stets auf ihre Fahnen geschrieben. So, wie es einen Weg heraus gab, so gibt es einen Weg zurück. Er führt auf den ursprünglichen Entwicklungsbogen, der abgebrochen wurde. Wir werden anders sein, wenn wir zurück gekehrt sind. Eine tiefgreifende Ernüchterung in Bezug auf unsere Welt ist notwendige Ausgangsbasis für diesen Weg. Hinzu kommen muss ein inneres „Gerufenwerden”, eine Sehnsucht.

Alles Bestehende drängt zur Verwirklichung, zur Vollendung. Dass die Vollendung in unserer Welt nicht zu erreichen ist, ist Quelle fortwährender Frustration mit zum Teil schrecklichen Folgen. Gleichwohl wartet die Vollendung auf alles, was ins Leben getreten ist. Dafür müssen wir den Blick jedoch über die Grenzen unserer Welt hinaus richten. Eine „geistige” Sicht kann uns zeigen, dass die Ideale einen realen Hintergrund haben, einen Ursprung, auch wenn sie in unserer Welt oft in verheerender Weise missbraucht werden. Die Ideale kommen irgendwo her, sie sind keine Ausgeburten der menschlichen Phantasie. Ihr Vorhandensein während der ganzen Menschheitsgeschichte und ihre Verwurzelung in allen Völkern auf dieser Erde deuten auf das Reale ihrer Existenz hin.

Sie entstammen dem Daseinsgebiet, in dem sich der Mensch einmal befand und aus dem er herausgefallen ist. Die Ideale beschreiben den Zustand des Paradieses und rufen den Menschen dorthin zurück. Sie rufen zu einer inneren Verwandlung auf. Göttlich-Geistiges kann sich inmitten des natürlichen Körpers entfalten. Es ist verständlich, dass wir zunächst einmal versuchen, die Ideale in unserer Welt anzuwenden und mit ihnen die Welt zu verändern. Wir tun das bis zur vollständigen Ernüchterung, eventuell bis zur Verzweiflung. Und wenn uns dann jemand dazu aufruft, wie John Gray, wegen der katastrophalen Folgen keine Ideale mehr anzustreben, dann bleiben sie gleichwohl bestehen.

Denn das, was begonnen wurde, wartet auf die Vollendung. Die Ideale drängen zu einem Weg, einem inneren Weg, der seinen Beginn im Herzen hat. Dort ist der Berührungspunkt, die meist geschlossene Pforte zu der höheren, der göttlichen Welt. Die Ideale im eigenen Inneren zu verwirklichen bedeutet, seelisch einen Weg der Angleichung an das einstmals verlassene Lebensgebiet zu gehen. Jesus sagte am Kreuz zu dem einen Mörder (auch das deutet auf unseren Zustand hin): Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.

Dieses andere Land, dieses Ursprungsgebiet, wartet auf uns. Es ist unbeschädigt vorhanden. Auch wenn wir noch in unserem jetzigen Körper sind, können wir doch schon Anteil an ihm erhalten. Auch das gehört zum Weg des Menschen, neben allem Umherirren in dieser Welt. Es ist ein Weg, der nicht auf Weltverbesserung zielt. Es ist kein Humanismus im Sinne eines Fortschrittsglaubens in dieser Welt. Und doch: Auf ihm entfaltet sich eine aus der Tiefe aufsteigende Liebe, die über das Persönliche hinausgeht. Wird die Welt durch diese Liebe besser? Offenbar nicht. Und doch könnten wir ohne sie – und sie ist ein Ideal! – nicht existieren. Sie umfängt alles und alle, vermittelt Kraft, Mut und Einsicht. Sie eröffnet eine Perspektive. Sollte sich ein solcher Mensch in die Einsamkeit der Natur zurückziehen? Wohl kaum.

Sein Leben bekommt eine Bedeutung, die über es selbst hinaus weist.

Gemälde aus der Zeit des Symbolismus
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