Selbsterfahrung

Hermann Hesses tiefe Einsichten – Im Gedenken zum 50. Todestag am 9. August 2012

Es ist kaum möglich, die tiefen Einsichten Hermann Hesses zu kommentieren. Sie sprechen so plastisch aus sich selbst und es erscheint überflüssig, etwas hinzufügen oder interpretieren zu wollen.

Lassen wir den Dichter also durch einige Worte selbst sprechen:

„Das Leben des Menschen ist ein Weg zu sich selbst hin, der Versuch eines Weges, die Andeutung eines Pfades.

Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so schwer?

Ich war nicht da, um zu dichten, um zu predigen, um zu malen, weder ich noch sonst ein Mensch war dazu da. Das alles ergab sich mehr nebenher.
Wahrer Beruf für jeden war nur das eine: zu sich selbst zu finden.

Wenige erkennen ihr Schicksal. Wenige leben ihr Leben. Lernet euer Leben zu leben. Lernet euer Schicksal erkennen. Ihr sollt lernen, ihr selbst zu sein.
Ihr sollt verlernen, andere zu sein, gar nichts zu sein, fremde Stimmen nachzuahmen und fremde Gesichter für die euren zu halten.

Der Weg der Erlösung führt nicht nach links und nicht nach rechts, er führt ins eigene Herz und dort allein ist Gott und dort allein ist Frieden.

Ein forschender, geistiger Mensch darf die Liebe nicht verlieren.

Denn auch in uns lebt Geist vom ewigen Geist.”

In der kleinen Abhandlung mit dem Titel Ein Ruf jenseits der Konventionen stoße ich auf folgende Aussage des Dichters:

„In meinen Schriften war unleugbar da und dort ein Wetterleuchten zu spüren, ein Riss in den Wolken, hinter dem Bedrohliches geisterte, denn es war angedeutet, dass des Menschen sicherster Besitz seine Armut, des Menschen eigentliches Brot der Hunger ist …”

Dieser Satz löste sich für mich plötzlich aus allen seinen Schriften heraus.

Was sollte damit ausgedrückt werden?

Was mag hinter diesen Worten stehen, so fragte ich mich?

Wie kann ich selbst diese Aussage sehen, die mich so vehement berührt?

Welche Armut ist gemeint?

Die materielle oder die geistige oder beides? Kann denn die Armut reich machen und für den Hunger ein neues Lebensbrot gefunden werden?

Nackt und hilflos werden wir in diese Welt hinein geboren. Und wenn es nicht Herzen und Hände gäbe, die dieser Hilflosigkeit zur Seite stünden, wäre jedes neue Leben schnell ausgehaucht.
Wir gehen in dieses Leben und eine unserer Aufgaben ist es, in dieser Welt einen äußeren Platz zu erringen, in dem wir als Mensch existieren können.
So wird zunächst die materielle Armut zur Triebfeder für unser Handeln und Sein. Eine unbewusste Ahnung eines übergroßen Existenzhungers des Ichs treibt uns an. Denn wir müssen essen, den Hunger stillen, eine Behausung haben, den Körper für die Anforderungen des Lebens funktionsfähig halten, Pflichten ausüben und wir wollen uns materielle und ideelle Wünsche erfüllen. Diese Wünsche sollen manchmal auch die Befürchtung einer auf uns übergreifenden Leere stillen.

Mit diesen Bemühungen ist der eine oder andere sein ganzes Leben lang beschäftigt und oftmals damit auch vollauf zufrieden, es sei denn, er verlangt über den stofflichen Hunger sowie über die Erfüllung existenzieller Wünsche hinaus nach einer neuen geistig-seelischen Nahrung. Dieses Bedürfnis entspringt ebenfalls einem Gefühl von Armut und einem Hunger, der materiell aber in keiner Weise zu stillen ist.

So kann es geschehen, dass sich ein Mensch seiner geistigen Armut und zugleich eines unstillbaren, geistigen Hungers bewusst wird. Dann macht sich etwas in ihm bemerkbar, das ihn innerlich aufrüttelt und ruft. Er ist ein Lichtsucher, der nach einem neuen Lebenssinn verlangt und der auf diesem Weg dem Seelenmensch in sich begegnen kann.

Dankbar bin ich, dass ich dieses selbst erfahren habe und mich diese neue Armut und dieser neue Hunger jetzt wirklich leben lassen.
Die Ursehnsucht, die mich im Herzen rief, ließ den inneren Menschen in mir erstehen und das Wunderbare ist, dass er nicht angewiesen ist auf stoffliche Reichtümer wie Besitz, Ansehen und Macht.
Die Ursehnsucht lebt aus einem anderen Quell. Aus dem letzten Überbleibsel des göttlichen Atems in uns, das mit dem Herzen verbunden ist.

Eine neue Verbindung mit dem ursprünglich Göttlichen kann geschmiedet werden. Sie trägt mich und ist fern vom Hunger nach dieser Welt, wenn auch das Bewusstsein aller Arten von Armut sowie des Hungers vorhanden bleibt.

Ein neues Lebensbrot wird mir geschenkt, das mir zum Lebenselixier geworden ist.

So danke ich Hermann Hesse, dass er mir diese Dinge durch seinen Ausspruch bewusster gemacht hat. Es war eines seiner Ziele, durch seine Dichtung zugleich ein Diener der Menschen zu sein.

In dem Gedicht Doch heimlich dürsten wir

heißt es:

„Anmutig, geistig, arabeskenzart
scheint unser Leben sich wie das von Feen
in sanften Tänzen um das Nichts zu drehen,
dem wir opfern Sein und Gegenwart.

Doch heimlich dürsten wir nach Wirklichkeit …”

Gemälde von Ernst Würtenberger
1 Kommentar
  • Rüdiger LöberBeantworten

    Glück
    Solang du nach dem Glücke jagst, bist du nicht reif zum Glücklichsein und wäre alles Liebste dein.
    Solang du um Verlornes klagst und Ziele hast und rastlos bist, weißt du noch nicht was Friede ist.
    Erst wenn du jedem Wunsch entsagst, nicht Ziel mehr, noch Begehren kennst, das Glück nicht mehr mit Namen nennst,
    dann reicht die des Geschehens Flut nicht mehr ans Herz und deine Seele ruht. Hermann Hesse

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