Selbsterfahrung

Harry Potter und das „Gleis 9 3/4”

Harry Potter ist ein Junge, der bei einer „Muggelfamilie” aufwächst. Er bekommt eine Einladung nach Hogwarts, der Schule, an der man Zaubern lernt. Der Zug dorthin fährt auf „Gleis 9 3/4” ab. Für normale Augen gibt es dieses Gleis gar nicht. Um es zu erreichen, muss man durch eine Mauer gehen, die zwischen Gleis 9 und 10 liegt.

„Muggels”, das sind Menschen, die nichts mehr lieben als „normal” zu sein, Menschen die das große Sehnen nur bedrohlich finden, und alles versuchen, es zu unterdrücken. Dieses Sehnen, das Harry als Geburtsrecht geerbt hat, wird am liebsten unter die Treppe in die ehemalige Besenkammer gesperrt. (Dort war Harrys Schlafplatz). Die Muggelstämmigen können über das „Gleis 9 3/4” nur lachen. Sie können dort nur eine Mauer sehen. Harry beobachtet jedoch einige, die auf dem Weg zur Zaubererschule sind und durch die Mauer verschwinden. Zunächst traut er seinen Augen nicht. Wie sollte er auch, schließlich ist er ja von „Muggeln” erzogen worden. Bevor alle verschwunden sind, traut er sich, einen zu fragen. Er bekommt zur Antwort: „Du musst einfach nur hindurch gehen.” Mitfühlend fragt ihn die Mutter eines Zauberschülers. „Es ist das erste Mal für dich? Weißt du, lauf einfach darauf zu, dann ist es nicht so schlimm.”

Kennen wir nicht alle die Mauer, die uns daran hindert zu glauben, dass es noch etwas anderes gibt als das, was wir tagtäglich erleben? Die Mauer, die wir mit unserem Gruppendenken gemeinsam erschaffen haben, so dass sie für uns zu einer Realität geworden ist? Wenn wir alle der Meinung sind, dass an einer Stelle eine Mauer ist und wir uns seit Jahrtausenden darauf geeinigt haben, dass sie undurchdringlich ist, dann ist sie es tatsächlich.

Aber einige von uns sind suchende Menschen. Wir wollen „den Zug” erreichen, bevor er abfährt und uns zurück lässt. Wir stehen vor der Mauer und wie oft sind wir schon gegen solche Wände gerannt! Unser Kopf ist schon ganz verformt davon. Nun bekommen wir den Tipp, einfach darauf los zu laufen. Also darauf zu vertrauen, daß wir den Weg finden, auch wenn es gar nicht nach einem solchen aussieht, sondern ganz im Gegenteil nach einer Mauer aus beinhartem Stein. Und wir machen die überraschende Entdeckung, dass es uns gelingt, die Hindernisse zu überwinden. Das Vertrauen in uns selbst zeigt uns, dass uns nichts daran hindern kann, den Weg so zu gehen, wie es unser Erbe ist. Die Mauer ist in Wirklichkeit eine Nebelwand. Und siehe da, unser junger Magier steht plötzlich auf der anderen Seite, wo der Zug abfahrbereit wartet.

Wenn es alles so einfach wäre! Es wäre zu schön, um wahr zu sein. Harry Potter kommt zwar in Hogwarts an. Aber er kann dort nicht immer bleiben. Er muss „in den Schulferien” wieder zu den Muggeln zurück. Er muss seinen Weg im Hier und Jetzt, in dieser Realität gehen.

Und schon im nächsten Jahr schafft er es zum erneuten Schulbeginn nicht, durch die Mauer zu gelangen. Frohgemut will er gemeinsam mit seinem Freund Ron und seinem Koffern hindurch rennen. Aber rums, sie laufen dagegen, und ein „Muggel” schimpft sie wegen ihres törichten Verhaltens aus. Eine Kraft dieser Natur, ein „Hauself”, hat das herbei geführt. Er meint es nur gut mit ihnen und will sie vor den Gefahren ihres abenteuerlichen Weges schützen. Er will sie vor dem Untergang bewahren, der sicher auf sie wartet, wenn sie den Wurzeln des Bösen weiter nachspüren; wenn sie den Weg in die Tiefe des eigenen Selbst weitergehen.

Harry weiß, dass er hierzu gerufen ist. Er weiß nicht, wie es enden wird. Doch er lässt sich von seinem Vertrauen in das eigene Innere leiten. Deshalb sagt er zum Ende des zweiten Buchs zu dem Hauself: „Ich habe eine Bitte an dich: „Versuche nie wieder, mein Leben zu retten”.

Kommentare

Ihr Kommentar