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12. Oktober 2011 von Cornelia Vierkant

Habe ich ein kaltes Herz? Oder: Wann habe ich ein kaltes Herz?

Wilhelm Hauff (1802 – 1827), der schon mit fünfundzwanzig Jahren verstorbene deutsche Schriftsteller der Romantik, wurde durch die Märchen „Kalif Storch“, „Der kleine Muck“ sowie durch den Roman „Das Wirtshaus im Spessart“ bekannt. Unter anderem schrieb er die Erzählung „Das kalte Herz“.

In dieser Erzählung überlässt der arme Köhler Peter Munk sein Herz dem Holländer Michel, weil er reich werden und sich seine Lebensträume erfüllen möchte. Für diese Entscheidung – er scheidet sich, wörtlich gesprochen, von den ihm geschenkten Möglichkeiten seines Seins – erhält Peter ein steinernes Herz. Peter wird sehr reich, aber in seinem Wesen verarmt er. Er verstößt seine Mutter und seine Frau tötet er im Zorn, weil sie einen armen alten Mann mit Essen versorgt. Danach erscheint ihm seine Frau nachts im Traum und mahnt ihn: „Peter, schaff dir ein wärmeres Herz“. Nur durch die Hilfe des Waldgeistes, des Glasmännleins, gelingt es Peter mit List, vom Holländer Michel sein lebendiges Herz wiederzubekommen. Danach gibt das Glasmännlein dem Peter seine Mutter und seine Frau zurück.

Das Glasmännlein symbolisiert das Geistprinzip, das zu den Menschen kommt, die für seine Kräfte offen sind. Hier kann eine Verbindung entstehen, sobald sich das Lichtwesen im Menschen regt. Wahre Hilfe wird dann möglich. Genügsam, froh und dankbar setzt Peter nach seinen abgründigen Erfahrungen sein Leben rechtschaffen mit den Menschen, die er liebt, fort. Hauffs Erzählung endet mit der Einsicht: „Es ist besser, zufrieden zu sein mit wenigem, als Gold und Geld zu haben, aber ein kaltes Herz.“

Das Herz wurde von jeher mit verschiedenen Eigenschaften verbunden:

Man spricht vom liebenden Herz, weinenden Herz, erwärmenden Herz, klugen Herz, stolzen Herz, reinen Herz, gebrochenen Herz, unsteten Herz, feurigen Herz, verstockten Herz, erfüllten Herz, brennenden und strahlenden Herz usw.

Die ganze Palette menschlichen Empfindens drückt sich im Herzen aus. Es enthält unsere Seins- und Schicksalsabläufe. Das Herz ist der lebendigste Faktor im Menschen, nicht nur als Motor für das Äußere, sondern auch für ein sich bildendes Gemüt und die Seele. Es verlangt vor allem nach innerer und äußerer Harmonie. Niemals spricht man hingegen von einem „erwärmenden Kopf“.

Was hat es also mit diesem so besonderen Körperorgan auf sich? Es ermöglicht zum Beispiel, dass wir mitempfinden und Mitleid spüren. Es führt uns über unser eigenes Menschsein hinaus. Wir können mit seiner Hilfe über unsere Ich-Ambitionen hinauswachsen und eine neue Spur in unserem Leben finden und aufnehmen. Eine besondere Dimension der Sehnsucht, die im Herzen schlummert, lässt uns nach neuer geistiger Nahrung Ausschau halten und öffnet damit innere Wege der Entwicklung.

Welche können das sein?

Es sind Entwicklungen, die eine Verbindung, eine Brücke zu einem auf das Herz abgestimmten Denken bauen. Das Denken erhält Impulse des Herzens. Aber auch darüber geht es noch weit hinaus. Die Herzenssehnsucht kann über alle Seinsabläufe dieser Welt hin eine Beziehung mit einer höheren Dimension des Kosmos und letztlich mit der kosmischen Christuskraft aufnehmen. Dieser Weg führt zu tiefgreifender Selbsterkenntnis, wodurch die ureigenste Aufgabe im Leben erkannt wird. Zugleich werden die eigenen inneren Hindernisse und Potenziale bewusst. Ich erkenne auch, wie weitreichend die Konsequenzen meines Tuns und Lassens sind.

So kann sich durch Schweigen und Selbstbesinnung eine neue Gemütstiefe in uns ausbilden und eine neue Seelenaktivität entfalten. Es kann wahr werden, was Paulus mit den Worten ausdrückt: „Nicht ich lebe, sondern Christus in mir“. Unter diesem neuen Vorzeichen rückt die Klarheit meiner Lebensaufgabe immer näher und ich kann an ihr arbeiten, wie ein Bildhauer, unter dessen Händen der grobe Stein Kontur erhält und geschmeidig wird.

Dann kann ich erfahren, dass mein Herz nicht mehr wie an Marionettenfäden hängt und ich ihnen blind ausgeliefert bin. Der Geist befreit sich aus dem Gebundensein an die Materie, ein neues Seelenbewusstsein entsteht.

Geistige Berührtheit verhindert, dass wir in der heute so sehr materialistisch ausgerichteten Zeit ein steinernes, kaltes Herz erhalten und äußere Werte vergöttern, ihnen nachlaufen oder ihr Opfer werden.

Denn das Glasmännlein, das Geistprinzip in uns und außerhalb von uns, kann uns führen – wenn wir es zulassen.

Foto: Christel Achenbach

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