Persönlichkeiten

Grenzen der Freiheit?

Kürzlich ergab sich für mich die Gelegenheit, in Weimar das Schillerhaus zu besuchen. Dort begegneten mir immer wieder Zeugnisse, die das Wesen der Freiheit zum Thema hatten. Schiller gilt vielen vor allem als Dichter der Gedankenfreiheit. Freiheit – so kam es mir vor – hat viele, viele Ebenen und Ausdrucksformen.

Wenn man das Leben des Dichters betrachtet, so kann man nachempfinden, wie Freiheit bei ihm von außen nach innen, also bis in den Bereich der Seele, Ausdrucksformen gesucht und gefunden hat.

Da gibt es den jungen Schiller, der allmählich als Mensch aufwacht. Er macht sich Gedanken zu Beruf und Berufung im künftigen Leben. Er hat zunächst so gut wie keinen Spielraum. Eine freie, individuell-persönliche Entwicklung ist ihm – von außen her gesehen – nicht vergönnt. Der Herzog Karl Eugen von Württemberg hielt und behandelte seine Zöglinge in der Karlsschule – einem Eliteinternat – wie Leibeigene. Der Tagesablauf war vollkommen programmiert durch Drill und Überwachung. Die jungen Menschen konnten keinerlei persönliche Wünsche geltend machen. Sogar die Gedanken mussten verheimlicht werden. Schillers Vater musste zum Beispiel unterschreiben, dass sich sein Sohn fortan ganz dem Dienst des Herzogs widmen werde. Einmal entschloss sich Schiller in seiner Verzweiflung, einen Brief an den Herzog zu schreiben, vollkommen unterwürfig, sich selbst herabsetzend und verleugnend, um ein klein wenig Gehör für seine Anliegen zu finden. Doch vergebens! Es kam, wie es kommen musste. Er verkümmerte wie eine Pflanze an einem ungünstigen Standort. Bereits im dritten Schuljahr war er der schlechteste Schüler – eine wohl instinktive Abwehr gegen ein System, das den Menschen ganz und gar verachtete. Schließlich floh er mit einem Freund aus dem Herzogtum.

Seine Erfahrungen drängten ihn dazu, seine ganze innere Kraft zusammen zu nehmen. Inspiration und Begabung ließen ihn zu einem der bedeutendsten Dichter des Theaters werden. In „Kabale und Liebe” rechnet er schonungslos mit dem brutalen absolutistischen System ab. In „Don Carlos” fällt das viel zitierte Wort „Geben Sie Gedankenfreiheit!”

Bemerkenswert war für mich vor allem, wie eine Art Selbstverwandlung in Schiller stattfand. Denn er begann mit einem mal, sich innerlich mehr und mehr zu befreien von einengenden Empfindungen. Das Freiheitsstreben erhielt eine Richtung nach innen. Goethe hat diesen Verwandlungseffekt in folgende Worte gefasst: „Durch alle Werke Schillers geht die Idee der Freiheit. Und diese Idee nahm mit der Zeit eine andere Gestalt an, indem Schiller in seiner Kultur weiterging und selbst ein anderer wurde. In der Jugend war es die physische Freiheit, die ihm zu schaffen machte und die in seine Dichtung überging. In seinem späteren Leben war es die ideelle Freiheit!”

Noch etwas berührte mich beim Besuch in Weimar. Es schien mir, dass sich Schiller als Werkzeug göttlich-geistiger Mächte fühlte. Er schreibt zum Beispiel: „Mich hält kein Band, mich fesselt keine Schranke, frei schwing ich mich durch alle Räume fort. Mein unermesslich Reich ist der Gedanke und mein geflügelt Werkzeug ist das Wort!”

Er kämpfte sich ein Leben lang durch zum Geist der Freiheit – religiös, politisch und weltanschaulich. „Ich schreibe als Weltbürger, der keinem Fürsten dient!” Das Wort „Fürst” kann man hier sicher sehr weit auslegen. Vielleicht meinte Schiller damit auch die herrschenden Gedankenströme, durch die die Menschen in ihrem Inneren unterjocht werden.

Zu Herzen gehend ist auch sein religiöses Empfinden: „Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, die du mir nennst! Und warum keine? Aus Religion!” Offensichtlich ging es ihm um die eine geheimnisvolle Wahrheit und nicht um äußere Kultformen.

Gibt es überhaupt eine Grenze für das Freiheitserleben? Schiller hat hierauf ebenfalls eine Antwort gesucht. Als er Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre” gelesen hatte, schrieb er: „Wie lebhaft habe ich bei dieser Gelegenheit erfahren, dass das Vortreffliche eine Macht ist.” Und er fährt fort: ” …dass es dem Vortrefflichen gegenüber keine einzige Freiheit gibt als die Liebe!” Freiheit und Liebe gehen auf einer bestimmten Ebene ineinander auf – in immer höheren Spiralen. Und diese Entwicklung kennt keine Grenzen…

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