Freiheit

Gotthold Ephraim Lessing: Weg der Freiheit

Der deutsche Dichter Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) unterscheidet in seinem Ringen um Wahrheit zwischen den gesetzes- und schriftgetreuen Verfechtern des „Evangeliums des Fleisches”, die sich die Befolgung äußerer Zeremonien und die Frömmigkeit zur Pflicht machen und den Verfechtern des lebendigen Glaubens, die der „regula fidei” getreu leben.

Was ist die „regula fidei”? Hierzu sagt er:

„Dieser Catechismus ist sehr kurz und bestehet nur aus einem Artikel:
„Kinderchen, liebt euch! Weil es der Herr befohlen. Weil das allein, wenn es geschieht, hinlänglich genug ist.”

Es handle sich, so führt er aus, um einen „von Christo selbst verfassten Inbegriff aller Glaubens-Lehren, den die ersten Christen regulam fidei nannten.” Und er belegt seine Ansicht mit den Worten: „Diese Sätze habe ich aus eigner, sorgfältiger, mehrmaliger Lesung der Kirchenväter der ersten vier Jahrhunderte gesammelt.”

Dies sei zugleich das Evangelium Johannis. Es sei der wahre Fels, auf dem die Kirche Christi erbaut worden sei. Dem stünden Petrus und seine Nachfolger als Vertreter der Gesetzestreue gegenüber. Lessing spielt wahrscheinlich auf den Lieblingsjünger Jesu an, auf Johannes, der zu den Stammvätern der Gnostiker zählt. Einer der Kirchenväter, Hiernoymus, erklärte, die Offenbarung des Johannes sei „für alle Völker des Universums” geschrieben.

Eine Kultur in der Christusnachfolge hat sich nach Lessing nicht philosophisch, sondern in tätiger Lebenspraxis zu vollziehen, damit die Menschheit dem göttlichen Erziehungsziel gemäß ein „neues ewiges Evangelium” zu leben lerne, wie es in Johannes 10, 34 zu lesen sei: „Steht nicht geschrieben in eurem Gesetz: Ich habe gesagt: Ihr seid Götter.” Diesem göttlichen Auftrag der Entelechie (der Geist-Realität des Menschen, die ihr Ziel in sich selbst hat, en = in, Telos = das Ziel, echein = haben) sollen die Menschen durch Entwicklungsschritte im Verlauf von Inkarnationen näher kommen.

Der Impuls der Entelechie wohne der ganzen Schöpfung inne, denn „die ganze materielle Welt ist bis in ihre kleinsten Theile beseelt” und drängt im permanenten Werden nach Vervollkommnung und Heimkehr in die Einheit mit Gott.

Wendet sich der Mensch jedoch mit seinem zum Selbstsein erhobenen Eigenwillen gegen diesen Plan, so gibt er den Widersachermächten Raum, die ihn von seinem Wege abzuziehen und an die Trägheit der Materie zu binden versuchen, so dass er deren Gesetzen und Wirksamkeiten weiterhin unterworfen bleibt.

Wenn der Mensch als beseeltes Wesen dem Pfad der Sehnsucht folgt und sich der Immanenz Gottes zuwendet, entwickelt sich das Unsterbliche in ihm, so dass er stets größere Freiheit gegenüber der Natur und ihren Gesetzen erwirbt und in seinem Herzbewusstsein erstarkt. Lessing sagt hierzu:

„Unsere Lehre ist aus der Halle Salomonis, nach dessen Grundsatze der Herr in der Einfalt des Herzens zu suchen ist.”

Die ewige Wahrheit eines solchen Weges erweist sich zu allen Zeiten, auch heute.

Abb.: Quelle wikipedia
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