Gnosis

Gnosis und die Neuentdeckung des Lebens

Als Kind hatte ich oft das beängstigende Gefühl, hier nicht wirklich zu Hause zu sein. So tauchte ich in Phantasiewelten ein. Später formulierte sich deutlich die Frage: Was hat es mit dieser Existenz auf sich?

Zunächst fand ich erstaunlich wenig Menschen, die aus innerer Not dieselbe Frage stellten. Inzwischen sind einige Jahrzehnte vergangen. Habe ich nun eine Antwort gefunden? Ich habe Erfahrungen gesammelt, Gruppen kennen gelernt, Schriften gelesen. Was sich als Antwort eingestellt hat, ist nur schwer kommunizierbar; es besteht kaum in Worten, sondern ist eher eine Sichtweise, eine Lebenseinstellung. Ich habe durch das intensive Suchen das Leben gleichsam neu entdeckt. Die Augen haben sich verändert. Mit dem Denken, Empfinden und Handeln erschaffen wir uns unsere Realität. Und wenn sich diese drei in ihrer Art ändern, ändert sich unser Bewusstsein. Die Möglichkeit, etwas hiervon zu formulieren, haben mir Schriften mit gnostischer, hermetischer oder rosenkreuzerischer Thematik gegeben. Heute kann ich sagen: Die höheren Dimensionen des Daseins gibt es und wir können daran Anteil erhalten.

Die Schrift „Das Evangelium der Wahrheit” – die 1945 zusammen mit anderen gnostischen Schriften in Oberägypten entdeckt wurde – beginnt mit den Worten: „Das Evangelium der Wahrheit ist höchste Freude für alle, die vom Vater der Wahrheit die Gnade empfangen haben, ihn zu erkennen durch die Kraft des Wortes, das aus der Fülle der Fülle gekommen ist … .” Aus den Sphären, die „oberhalb” unserer Welt liegen, geht ein Rufen zu uns aus, das kann erfahren werden. „Wenn der Vater einen beim Namen ruft, so gewinnt dieser Erkenntnis.” Das, was hier „Erkenntnis” (griech. Gnosis) genannt wird, ist die innere Erfahrung der höheren Welten. „Wird jemand beim Namen gerufen, so hört er, antwortet, wendet sich dem zu, der ruft, steigt zu ihm empor und gewinnt in diesem Ruf Erkenntnis.” „So geht das Wort des Vaters hinaus ins All …”

Man kann dem inneren Ruf folgen. Das Leben erhält dann eine Dimension, die man sich vorher nicht träumen lässt. Eine bisher nicht gekannte Freude des Herzens tritt auf – und zugleich führt ein solcher Weg zum Durchleben einer Reihe ganz eigener Schmerzen.

Ein Gefühl für die Einheit des Lebens wächst dabei heran. Ich erfahre mich als Teil eines großen Geschehens und beginne, etwas von einer übergreifenden Aufgabe zu ahnen. „Durch die Einheit empfängt jeder sich selbst. Denn in der Erkenntnis reinigt ein jeder sich aus der Vielheit zur Einheit …”, so heißt es im „Evangelium der Wahrheit”. Wenn wir die Einheit des Lebens erspüren, verhalten wir uns anders gegenüber Menschen, Tieren und der Erde. Wir gelangen zwangsläufig zu einem Umdenken. Die Beziehung zur Gottesnatur, die hinter unserer Welt steht, ruft in uns Inspiration, Verständnis und Mitgefühl hervor. Und brauchen wir dies nicht gerade in unserer heutigen Zeit dringend?

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