Selbsterfahrung

Gier

Vielleicht hatten Sie vor Jahren auch den Filmklassiker von 1964 „Immer mit einem anderen” gesehen. Es geht in diesem Film um einen Mann, der nicht gierig sein wollte, dies aber so gierig verfolgte, dass er tatsächlich gierig wurde. Er wurde süchtig nach Belohnung für alles, was er tat, und sei es noch so gering gewesen. Ist Gier so menschlich, so sehr in uns verankert?

Gier ist neben Hochmut, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit eine der sieben Todsünden. Auch der Buddhismus kennt als die drei zu meidenden Sünden Unwissenheit, Hass – und Gier. In den zehn Geboten des Alten Testamentes, die auch durch Jesus nicht aufgehoben wurden, heißt es: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Acker, Knecht, Magd, Ochsen, Esel, noch alles, was sein ist.” Aristoteles nannte die Sucht der Gier eine ansteckende Krankheit, und mit ihm Hippokrates, Cicero und Seneca, um nur einige aus der fernen Vergangenheit zu nennen.

Wie wirkt diese Krankheit, was sind ihre Symptome? Im Gegensatz zum Tier, das, wenn es sich satt gefressen hat, nicht nach mehr verlangt, wird der Mensch all zu leicht immer gieriger nach Mehr, Mehr, Besser, Besser. Ein Gang durch den Supermarkt spiegelt das allzu sichtbar wieder. Doch das gilt nicht nur, was das Essen betrifft, es ist ein Instinkt, der sich in vielerlei Gefühlsvariationen zwingend bemerkbar macht. So entsteht der Besitzinstinkt, die Habsucht, die Selbstbehauptung vom Feinsten bis hin zum Gröbsten. Ja, bis hin zu Gewalt, die zum Verbrechen führen kann – und sei es auch „nur” mental. Es ist wie ein Drogenrausch, dem viele Menschen machtlos ausgeliefert sind.

Warum muss es diese Gier geben, so könnte die Frage sein? Würde ohne Gier das Leben stagnieren? Gier, diese Sucht nach Mehr, Besser, Fortschritt spornt den Menschen zu all den großen Erfindungen an, verhalf der Menschheit, aus der Steinzeit heraus in unser aktuelles Jetzt zu gelangen. Doch war jede Erfindung notwendig? Hat sie uns wirklich glücklicher gemacht? Wohl kaum, aber sie lenkt ab von der inneren Leere, davon, dass wir nichts gefunden haben, das dem Leben einen Sinn zu geben vermag.

Das Wort „Gier” kommt von „begehren, verlangen”. Wonach verlange ich? Mein Verstand weiß einiges sehr schnell aufzuzählen. Es gibt so viel Schönes, Interessantes, das ich noch nicht gesehen, erlebt, entdeckt habe. Doch dann meldet sich mein Herz: „Meinst du, dass du es wirklich brauchst, dass es dich glücklicher, zufriedener werden lässt?” Nein, denn ich weiß aus Erfahrung, dass ein erfüllter Wunsch all zu schnell den nächsten nach sich zieht – Gier!

Ich muss an die Worte von Paulus im Korintherbrief denken: „Oder wisset ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch ist, welchen ihr habt von Gott … Denn ihr seid teuer erkauft; darum, so preiset Gott an eurem Leib und in eurem Geiste, welche sind Gottes.”

Der Mensch ist träge und nur schwer gewillt, Neues anzunehmen. Durch die festen Gewohnheiten begeben wir uns in Gefangenschaft, Gefangenschaft heißt Beschränkung, und Beschränkung heißt Leiden. Darum: Seien wir offen mit weit ausgebreiteten Flügeln des Herzens und begehren wir nach dem, was nicht nur unserem Körper Nahrung gibt, sondern der Seele, die in uns erwachen will und die keine Dunkelheit kennt. Die uns empor ziehen will in das Land des Lichtes.

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