Gnosis

Gedanken zum Judasevangelium

Das Judasevangelium, das im Frühjahr 2006 von der National Geographic erstmals in Übersetzung der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, erregt seither großes Aufsehen. Wird in dem 1978 in Mittelägypten aufgefundenen Papyrus doch Judas nicht als Verräter, sondern als der einzige Jünger dargestellt, der Jesus wirklich erkannte und verstand und darüber hinaus auf dessen Geheiß handelte.

Bei der Lektüre dieses gnostischen Evangeliums aus der Mitte des 2. Jahrhunderts n.Chr. musste ich wieder an meine Schulzeit denken. Wie vehement hatte ich mich doch im Religionsunterricht gegen die Vorstellung eines liebenden Gottes als Schöpfer dieser Welt gewandt. Es war für mich unvorstellbar, dass diese Welt, in ihrer ganzen Geschichte bis heute durchzogen von Kriegen, Leid und Elend, von einem Gott geschaffen sein könnte, der die Menschen wie ein liebender Vater als seine Kinder ansieht. Wie kann zumal das Alte Testament bis in die heutige Zeit als eine „heilige Schrift” angesehen werden, in der ein blutrünstiger und eitler Jehova sein auserwähltes Volk in Drangsale und Vernichtungskriege führt?

Erst viel später, als ich mit gnostischen Texten in Berührung kam, entdeckte ich, dass ich mit meinen Bedenken nicht alleine dastand, ja vielmehr bereits in frühchristlicher Zeit eine sehr verbreitete Bewegung gegen eine orthodoxe Darstellung der Lehren Jesu opponierte. Die vier Evangelien und die Schriften, die im 4. Jh. n.Chr. zusammengestellt wurden und seither als „heilig” gelten, entstammen alle dieser orthodoxen Richtung; viele andere urchristliche Schriften, darunter eine ganze Reihe von Evangelien, wurden auf Veranlassung der damaligen Kirche vernichtet. Durch überraschende Funde im Laufe des vorigen Jahrhunderts steht uns ein Teil dieser Schriften originalgetreu wieder zur Verfügung.

Ich habe mir immer die Frage gestellt, warum Worte und Lebenslauf eines historisch beschriebenen Jesus wohl erst Jahrzehnte nach seinem Tod und durch Schreiber, die ihn gar nicht mehr persönlich kannten, aufgezeichnet wurden. Das war bei Buddha beispielsweise, der 500 Jahre früher lebte, völlig anders. Brauchte man diese Dokumente, um bei der angekündigten, aber ausbleibenden Wiederkunft Christi und der Niederschlagung des Aufstandes der Juden um 68 n.Chr. durch die römischen Besatzungsmächte die Gläubigen bei der Stange zu halten?

Wie dem auch sei, für mich hatte die gnostische Kosmologie, die auch viele vorchristliche Anschauungen, beispielsweise aus den altägyptischen hermetischen Schriften, in sich aufnahm, eine sehr viel größere Plausibilität. Wie es auch im Judas-Evangelium dargestellt wird, gibt es eine für uns Menschen unfassbare göttliche Sphäre, gekennzeichnet durch Harmonie und Einheit, und im Rahmen zahlreicher Engelhierarchien demgegenüber auch eine niedere Sphäre, geprägt durch den Schöpfergott dieser materiellen Welt, den die gnostischen Schriften Yaldabaoth nennen. Es geht nun darum, dass die im „Fleisch” gefangene Seele die niedere Natur durch Erkenntnis, durch „Gnosis” überwindet. Dazu verhilft ihr ein Lichtfunken, von den Stoikern auch „Hegemonion”, d.h. leitendes Prinzip, genannt. Die Lichtfunkenträger, die sich dessen bewusst sind, können einen Weg gehen, auf dem ihre Seelen zur ursprünglichen, göttlichen Menschheit zurückkehren.

Es liegt auf der Hand, dass eine solche Kosmologie und ein solcher, auf innerer Erkenntnis beruhender Befreiungsweg nicht als Grundlage für eine staatstragende Kirche taugt. Deshalb hat Kaiser Konstantin – bestrebt, die westliche und die östliche römische Herrschaftssphäre auch geistig zu einen – Anfang des 4. Jh. auf dem Konzil zu Nicäa die orthodoxe Anschauung der christlichen Kirche durchgesetzt und dafür dann das Christentum als Staatsreligion des römischen Reiches anerkannt. Damit wurden andere christliche Richtungen zu Sekten. Die Verbindung von Macht und Religion führte zur Verfolgung unter anderem der gnostisch orientierten Strömungen, von denen die Manichäer die größte und mächtigste war. Die Geistesgeschichte des Abendlandes erhielt damit eine einseitige Prägung.

Ist es Zufall, dass die gnostischen Evangelien, die als vernichtet und verloren galten und nur noch bruchstückhaft aus den Kampfschriften der Kirchenväter wie Irenäus bekannt waren, in so großer Fülle im vorigen Jahrhundert wie durch ein Wunder wiedergefunden wurden? Für mich ist die Anhäufung solcher „Zufälle” nach 1 ½ Jahrtausenden innerhalb kürzester Zeit völlig unwahrscheinlich. Für mich sind es Botschaften speziell für unsere Zeit des Umbruchs und der intensiven spirituellen Neuorientierung.

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