Gnosis

Friede auf Erden

„Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen”, so lautet die Botschaft der Engel an die Hirten auf dem Felde im Lukasevangelium. Es ist die klassische Weihnachtsbotschaft.

Nach 2000 Jahren können wir uns heute fragen: Ist Friede nur ein Traum der Menschen? Denn die Geschichte der Menschheit war zu allen Zeiten bis heute eine Kriegsgeschichte.

Wo liegt das Problem? Aus dem 5. Jh. nach Christus gibt es bereits eine Feststellung, die uns ganz aktuell erscheint: „So wie es niemanden gibt, der keine Freude haben will, so gibt es auch niemanden, der keinen Frieden haben will.” Der Autor ist Augustinus, der diese Bemerkung im 19. Buch seines „Gottesstaates” verfasst hat. Aber er beobachtete das Verhalten seiner Mitmenschen mit modern anmutender Nüchternheit und konstatiert: „Viele Menschen wollen den Frieden nicht um jeden Preis, sondern nur zu ihren Bedingungen.” Und daher herrscht im Kleinen wie im Großen immer Krieg. So war es immer – bis heute.

Aber bei dieser resignierenden Feststellung will es wohl niemand bewenden lassen. Die einen kämpfen mit politischen Appellen für eine bessere, glücklichere und auch friedliche Zukunft. Andere appelieren auf moralische Weise an den guten Willen, an Konfliktlösungen auf diplomatischem Wege. Und seit vielen Jahren gibt es für verdienstvolle Taten auf dem Gebiet friedlicher, gewaltloser Bemühungen den Friedensnobelpreis und auf dem Gebiet der Wissenschaft die Friedensforschung. Dem Weltfrieden sind wir dadurch allerdings nicht näher gekommen.

Einen ganz anderen Ansatz findet aber bereits der antike Philosoph Epikur. Er verlegt den Unruhe- und Kriegszustand ursächlich in das Menscheninnere und prägte die Forderung nach der „Windstille der Seele” (Ataraxia). Ein solcher innerer Friede lässt sich nur finden, wenn der Mensch von seinen leidenschaftlichen und selbstsüchtigen Motiven und Bestrebungen ablässt, die sich oft raffiniert und subtil maskieren. Ohne Selbsterkenntnis und dem Bemühen um Bewusstheit kommt man diesem Frieden nicht näher, dieser Quelle wahrer Nächstenliebe.

Epikur war kein politischer Mensch. Deshalb gab er auch den Ratschlag: „Lebe im Verborgenen”, um in sich und um sich Frieden zu verbreiten. Die „Stillen im Lande” werden von den wenigsten Menschen wahrgenommen. Sie wirken als Oasen der Stille und helfen, so manchen Sturm zu stillen. Aber sie werden, so sah es auch wohl Epikur, die Welt nicht verändern und „draußen” Kriege verhindern.

Anders die christliche Weihnachtsbotschaft im Neuen Testament. Es ist eine Heilsbotschaft, die sich an die ganze Welt richtet. Und so fordert auch z.B. Paulus im Brief an die Kolosser dazu auf: „Der Friede Christi regiere eure Herzen” oder im Brief an die Philipper: „Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus”. Natürlich muss sich innerlich auf eine schwierige Bergtour begeben, wer sich diesen höchsten Normen nähern will. So heißt es in der Bergpredigt, der offensichtlich eine spirituelle Bergbesteigung voran gegangen ist: „Selig sind die Friedfertigen!”. Wenn wir diesem Zustand nachspüren, dann können uns so manche Schuppen von den Augen fallen. Denn wenn jemand „fertig”, vollkommen sein will auf dem Weg des inneren Friedens, dann muss er seine Selbstbehauptung und alle Ambitionen in diesem Leben hinter sich gelassen haben. Das ist dann nicht un-menschlich, sondern kennzeichnet den wahren Menschen als Nachfolger Christi.

So sollte sich in diesem Sinne jeder Mensch selbst zum Weihnachts-Geschenk machen: er kann dann wahre christliche Liebe ausstrahlen, weil er nichts mehr für sich selbst verlangt, und Frieden in die Herzen der Menschen bringen. Und Paulus macht auch uns dazu Mut und will gleichzeitig einer verhängnisvollen Resignation vorbeugen, wenn er sagt: „Nicht, dass ich das bereits erreicht hätte, aber ich jage ihm – diesem Zustand wahrer christlicher Liebe – nach”.

Das ist der Kardinalpunkt, um wirksam und beispielhaft am endgültigen Frieden für alle mitzuwirken.

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