Philosophie

Fremd sein

Der Philosoph Peter Sloterdijk nennt den Menschen einen Selbstfindling*, gleich einem Gesteinsbrocken, den man in den Alpen auf einer hügeligen Wiese findet und bei dessen Anblick man sich fragt, wie er denn dahin kam, wo man ihnfindet. Derjenige Mensch, der beginnt, sich seiner selbst bewusst zu werden, merkt, dass nichts an seinem Verhältnis zur Welt selbstverständlich ist, er muss es sich erst erarbeiten. Ernst Bloch, ebenfalls Philosoph, stellt in einer autobiographischen Notiz fest, dass er unwiderruflich er selbst sei und lebend aus seinem Körper nicht mehr herauskomme. Für ihn war es ein schockierendes Erlebnis. Damit ist ein großer Teil der Frage beschrieben, die der Mensch an sich selbst und die Welt stellt. Uns Menschen fehlt die Selbstverständlichkeit, mit der alle anderen Wesen und Dinge in der Welt sind. Identität, Leben und Tod wollen erforscht und integriert werden. Erst wenn wir uns erkennen, wenn wir uns im tiefsten Sinn finden, dann finden wir auch Heimat.
Wir kommen als Menschen in eine Welt, in der alle anderen scheinbar bereits eine Antwort auf die großen Fragen gefunden haben. Wer noch unvoreingenommen genug ist, sieht eher, dass das Leben der meisten eine hervorragend organisierte Ausweichbewegung ist, ein Vermeiden der Lebensfragen. Auch das ist ein Moment der Fremdheit. Alle anderen scheinen alles zu wissen – wer sich noch nicht völlig mit den Wegen der Welt identifiziert hat, sieht die Leere dahinter. Dieses Bewusstsein ist es, das den Menschen zu einem Fremdling macht: zu sehen, dass die Antwort noch nicht gefunden ist. Sich in der Welt auszukennen und dennoch einen anderen Weg, ein anderes Sein zu suchen. Zu sehen und (noch)blind zu sein für den höheren Zusammenhang, in dem unser Leben steht.
In diesem Noch-nicht-wissen liegt dennoch Wissen: der unvoreingenommene Blick auf die großen Fragen, und auch die Überzeugung, – oder der Glaube oder das Gefühl -, dass es auf die Fragen von Leben und Tod eine befriedigende Antwort gibt. Wer auf diese Weise durch die Welt geht, kann von seinem tiefsten Wesen gefunden werden. In solch einem Menschen erwacht, auch wenn er sich in der Welt fremd fühlen mag, der Funke des Geistes, die Verbindung zu seiner ewigen Heimat.
Solch ein Mensch beginnt eine intensive Arbeit an sich selbst, um das Irdisch-Vergängliche auf ein ewiges Fundament zu gründen. Das bedeutet zugleich eine wachsende Hingabe an die verborgene Identität, die Leben und Tod transzendiert. Eine Veränderung, eine Wandlung hin zum wahren Selbst, wobei wir nur schrittweise erkennen, wer oder was wir sind und werden. Wo ein Mensch sich dem Ewigen in sich hingibt, kann er sich auch der Vergänglichkeit hingeben – sie verliert ihre Fragwürdigkeit und ihren Schrecken. Der Fremdling, der das Ewige in sich entdeckt, findet so letztlich auch in der Welt Heimat.
* In: Weltfremdheit, Frankfurt 1993, S. 14

Foto: Frank Saß
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