Persönlichkeiten

Frauenmystik: „Überlegungen zu Karoline von Günderodes Apocalyptisches Fragment”

„Es ist nicht zwei, nicht drei, nicht tausende, es ist Eins und alles; es ist nicht Körper und Geist geschieden, dass das eine der Zeit, das andere der Ewigkeit angehöre, es ist Eins, gehört sich selbst, und ist Zeit und Ewigkeit zugleich, und sichtbar, und unsichtbar, bleibend im Wandel, ein unendliches Leben” (15. Fragment).

Mit diesen Worten beschrieb Karoline von Günderode ihre Vision eines Aufgangs in die Weltenseele, wie sie, die Romantikerin, sie in der Einsamkeit ihrer Klosterzelle erlebte. Auch heute kennen wir sie, die Isolation und verzweifelte Suche nach Liebe in dieser Welt, die einen Sinn der Existenz bedeuten könnte – und finden auf unserer Suche die Erfüllung auf Dauer nicht. Die vielen psychosomatischen Erkrankungen unserer Tage sprechen dafür Bände. So erging es auch Karoline von Günderode, geb. am 11.2.1780, die das Apocalyptische Fragment aus ihrer Klosterzelle des evangelischen Stifts für adelige Damen in Frankfurt an ihre Freundinnen, z.B. Bettine von Arnim, sandte.

Schon mit 6 Jahren wurde sie, nach dem Tod ihres Vaters allein auf sich gestellt, im Kloster groß, dessen religiöser Alltag neben schwarzer Kleidung geprägt war von gemeinsamen Mahlzeiten, keinen Herrenbesuchen, keinem Tanz, keinem Theater u.ä. Nach zwei unglücklichen Liebesbeziehungen ohne Aussicht auf eine gemeinsame Lebensführung endete ihr Leben mit einem tragischen Tod.

Am Mittelmeer auf einem Felsen stehend, so ihre Vision, beobachtet sie einen Sonnenuntergang und -aufgang, der sich in immer rascherem Wechsel vollzieht. Von der Beschleunigung von Raum und Zeit ermüdet, schläft sie ein und sieht das weite Meer ohne Ufer vor sich, das „Reich der Mütter” Goethes, der Urformen, aus dem Gestalten entsteigen und in das Gestalten zurück kehren; es ist die andere Welt, die wir aus den Märchen kennen, die dort mit Metaphern wie „hinter dem Wald”, „jenseits des Meeres” oder „im Brunnen” gekennzeichnet wird, in den zum Beispiel die Goldmarie der Gebrüder Grimm auf Befehl der Stiefmutter hineinspringen muss, um in der anderen Welt das Paradies anzutreffen. – Dort erlischt auch für Karoline das Persönlichkeitsbewusstsein. Als sie wieder zu sich kommt, empfindet sie sich wie einen Tropfen Tau: „und bewegte mich lustig hin und wieder in der Luft und freute mich, dass die Sonne sich in mir spiegle und die Sterne mich beschauten” (9. Fragment).

Im Hier und Jetzt des Seelenbewusstseins erwacht in ihr nun die Ursehnsucht, zurückzukehren zu der Quelle allen Lebens. Alsdann fühlt sie sich ihrer individuellen Gefühlswelt enthoben, entgrenzt und in das Einheitsbewusstsein der Weltenseele aufgehen.

Im Leben hatte sie stets Schiffbruch erlitten und war krank an „Zagen und Zaudern”. Häufig wurde sie auch von ihren engsten Freunden nicht verstanden, die ihre Lebensphilosophie als „Schwebereligion” bezeichneten. Aber ihr Wissen um das Aufgehobensein des höheren, wahren Menschen im All-Sein, wie sie es uns in ihrem Fragment dokumentiert, ist mir zum Wegweiser geworden. So lautete denn auch eine ihrer Maximen: „Was soll ich lernen, was andere schon wissen, das geht ja doch nicht verloren?”

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