Selbsterfahrung

Fragen und Antworten

Als ich vor ein paar Tagen in die Web-Seite der Stiftung Rosenkreuz schaute, um nachzusehen, ob es etwas Neues gäbe, kam mir plötzlich eine Idee. Ich fragte mich nämlich, wer es wohl sein könnte, der diese Seite anklickt und weshalb er oder sie das wohl macht. Weshalb ich die Seite öffnete, weiß ich. Ich wollte die neue Kolumne lesen. Sie wollen das offenbar auch. Aber warum? Das habe ich mich gefragt. In diesem Zusammenhang kam ich auf ein Thema, das mich schon lange beschäftigt:

Weshalb wird im Unterricht in der Schule so viel gefragt? Wohlgemerkt, nicht von den Schülerinnen und Schülern, sondern von den Lehrern. Was sind das für Fragen? Ist es nicht meistens so, dass die Fragen nur gestellt werden, um zu überprüfen, ob die Antworten, die der Schüler oder die Schülerin gibt, mit der vorher überlegten Antwort des Lehrers übereinstimmen? Ich erinnere mich an quälende Frageketten: Da sagt der Lehrer: „Denk doch noch mal darüber nach, …nein, das meine ich nicht,….ja, beinahe, aber es ist noch nicht ganz das, was ich meine……”

Das kann so lange gehen, bis ein mutiger Schüler oder eine Schülerin entnervt sagt: „Sagen Sie uns doch einfach, was Sie meinen.” Und glücklich kann sich der Schüler preisen, der die Antwort, die der Lehrer hören wollte, gefunden hat.

Aber es gibt auch ganz andere Fragen und ganz andere Antworten. Wenn Sie die Seite der Stiftung aufgerufen haben, dann hatten sie vielleicht eine solche Frage: Was mag sich hinter der Stiftung Rosenkreuz verbergen? Was bedeutet Rosenkreuz? Was ist Gnosis? Welche Überlegungen haben diejenigen, die hier zu verschiedenen Themen kurze Beiträge schreiben?

In der Kolumne stehen vielleicht nicht die Antworten, die Sie sich erhofft haben, und die Fragen, die Sie sich gestellt haben, bleiben den Schreibenden der Kolumnen immer unbekannt. Aber etwas gilt mit Sicherheit: Echte Fragen treffen hier auf echte Antworten und es besteht kein Zwang. Niemand will Sie überzeugen oder überreden.

Bei diesem stummen Dialog kann man sich fragen: Was ist nun eigentlich wichtiger, die Frage oder die Antwort? Oder ist beides gleich wichtig? Was lässt mich eine Frage stellen? Ein Zweifel, ein Suchen, der Wunsch, jemanden bloßzustellen, weil ich schon von vornherein ahne, dass er die Frage nicht beantworten kann? Der Wunsch nach Kontrolle? Eine Erkenntnislücke, die ich schließen will? Der Wunsch nach Kontakt, den ich in eine Frage kleide? Ich glaube, dass der beste Dialog zwischen Fragendem und Antwortenden dann zustande kommt, wenn sich beide über ihre Motive, zu fragen und zu antworten, ganz klar geworden sind. Ich glaube, dass dann echte Fragen entstehen und aufrichtige Antworten.

Ich habe es schon so oft erlebt, wenn ich wirklich eine Antwort auf eine drängende, wichtige Frage benötigte, dann kam die Antwort auch: in Form eines Buches, das mir jemand empfahl, in Form einer Begegnung, in Form eines Gesprächs, das ich „zufällig” mit angehört habe, in Form eines Ereignisses, das mir eine Antwort auf die Frage gab.

Und noch etwas habe ich erlebt: Manchmal geschieht etwas Wunderbares: Jemand fragt, aus tiefstem Suchen nach Erkenntnis und plötzlich taucht eine Antwort auf, die der Antwortende selbst noch nicht in seinem Bewusstsein hatte. Ein inneres Wissen äußerte sich durch ihn, von dem er nicht wusste, dass es in ihm steckt. In einer Gruppe geistig Strebender geschieht dies häufig. Eine undeutliche, leise Frage erhält hier den Raum, um als bedeutsam erkannt zu werden. Und die Antwort steht plötzlich ebenfalls im Raum.

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