Persönlichkeiten

Fragen, Staunen, bohrendes Grübeln: Ernst Bloch zum 125. Geburtstag

Im Sommersemester 1963 begann ich, in Tübingen Jura zu studieren. Große Geister der Rechtswissenschaft unterrichteten dort. Und es gab jemanden, älter, klein, mit durchfurchtem Gesicht, der die Geister des Rechts als matt und farblos erscheinen ließ. Vor atemlos Lauschenden ging er in überfülltem Hörsaal hin- und her, und in unaufhörlichem Strömen quoll es aus ihm heraus, in kaum begreifbarer, oft lyrischer Formgebung formulierte er die Frage nach dem Menschsein: Ernst Bloch. „Tübinger Einleitung in die Philosophie”, das war der Titel, unter dem veröffentlicht wurde, was er damals aussprach. Es war keine Einleitung in die Philosophie, sondern ein philosophierendes Weiterschreiten, ein Wandern. „Schlecht wandern heißt, als Mensch dabei unverändert zu bleiben.”

Ich ging mit auf dieser Wanderschaft, so weit ich es konnte. „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.” Wir haben einen Weg zu beschreiten. Wie tief hat mich das ergriffen! „Das Bin ist innen. Alles Innen ist an sich dunkel. Um sich zu sehen und gar, was um es ist, muss es aus sich heraus. Muss sich herausmachen, damit es überhaupt erst etwas sehen kann, sich unter seinesgleichen …” Das „anstoßende Jetzt ist dunkel, unser unmittelbares Bin und das Ist von allem. Was daran innen ist, wühlt als dunkel und leer. Zu spüren bleibt nur, es ist hungernd, bedürftig.”

Urtümlichstes erklang hinter diesen Worten. Ein Prophet des Alten Testaments war auferstanden, so schien es mir, er war zum Materialisten geworden in der Welt des 20. Jahrhunderts – und deutete nach wie vor auf die große Verheißung, auf den Messias – diesmal aber im Menschen. So wie Jakob mit dem Engel, so rang Bloch mit dem Unaussprechlichen, mit dem anstehenden Schöpfungsvorgang, mit dem, was vor der Existenz ist, dem, das werden will. Bloch glaubte an das ganz Neue, das kommen wird, an die Neuerschaffung des Menschen durch sich selbst. Das Innen „wühlt als dunkel und leer”. Gleichen diese Worte nicht dem Beginn der Genesis: „Und die Erde war wüst und leer” ?

Ich wurde Jurist, betrat eine Welt der Systeme, Normen, Regelungsversuche und Konfliktausgleiche, eine Welt, in der Macht und Gewalt immer wieder auszugleichen sind. Hier suchte ich mich zu integrieren. Das Ergebnis war – innere Heimatlosigkeit. Die Fülle erwies sich als „wüst und leer”.

Bloch sprach von einer anderen Welt, einem Menschsein, das uns noch aufgegeben ist. Inmitten turbulenter und niederschmetternder Lebensumstände hielt er an der Überzeugung fest, dass der neue Mensch und die neue Gesellschaft einmal kommen werden. Gegenüber den herrschenden Zuständen war er Ketzer, Unruhestifter, auch im sozialistischen Deutschland, von dem er Schritte zur Verwirklichung der Utopie erhoffte.

1961 kehrte er dem sozialistischen Staat den Rücken, bedroht von denen, die für ihn einmal Hoffnungsträger waren. Im Alter von 76 Jahren(!) fing er zum wiederholten Mal ein neues Leben an. Er begann in Tübingen zu lehren. Seine umfassende Bibliothek und sein sonstiges Hab und Gut verblieben in Leipzig. Sein Geist war jünger als der der meisten Menschen, die ich kannte. Es war der Geist des fragenden Kindes: „Ganz schlicht gehört die bekannte Kinderfrage hierher: Warum ist etwas und nicht nichts?” „Wie seltsam, wie sehr ein Kopfschütteln gleichsam, immer mit eben diesem, seinem Ich zusammen zu sein – … in hohem Grad nicht selbstverständlich.”

„Das Staunen … ist nicht auf Gewordenes letztlich bezogen, sondern auf ein Fragen selber, das ungeworden und ungelöst durch die Welt geht. Ein Grundfragen des Existere selber tönt hier an, eines, das wiederum nur mit sich selber, mit seinem eigenen noch ungewordenen Stoff letzthin zu beantworten wäre.” „… das junge Urfragen, das ja überhaupt noch nicht weiß, was es will.”

Ohne Unterlass umkreiste Bloch das „unscheinbare Geheimnis”, das hinter der Existenz steht. Erst wenn wir es finden und verwirklichen, werden wir wahrhaft sein. Deshalb war es für Bloch so wichtig, „vor den Träumen der Jugend Achtung zu tragen, auch vor dem frühen Verwundern.”

Ich habe Gesetze angewandt und versucht, Konflikte zu lösen. Doch unzählige Male tauchte die Frage auf: Was tue ich eigentlich? Wer bin ich?

Immer wieder erlebte ich eine Empfindung, die Bloch in seinem ersten Hauptwerk „Geist der Utopie” (2. Auflage 1923) mit den Worten ausdrückte: „Wie nun? Es ist genug. Nun haben wir zu beginnen. In unsere Hände ist das Leben gegeben. Für sich selber ist es längst schon leer geworden. Es taumelt sinnlos hin- und her … .” Die Worte Paul Celans tönten herauf: „Die Welt ist ein geköpfter Hahn, der über den Hof rennt.”.

Bloch sprach von der „Metaphysik der Innerlichkeit”. Der Blick auf diese Welt sagte ihm, „dass dieses, was es gibt, nicht die Wahrheit sein kann, und dass es über der vorliegenden Tatsachenlogik noch eine verschollene und verschüttete Logik geben muss, in der erst die Wahrheit wohnt.” Bloch weist auf „unser Dunkel, unser Unbekanntsein, Vermummt- oder Verschollensein”. „Der bedürftige Mensch wünscht nur das Eine, das Fließende, Dunkle, Leidvolle in sich gelöst, begründet zu erhalten.”

„So bleibt dieses als letztes Ziel: die Frage nach uns zu fassen, rein als Frage, nicht als Hinweis auf die Lösung; die ausgesagte, aber unkonstruierte, unkonstruierbare Frage selber als Antwort auf die Frage.”

Das Dunkel des Unmittelbaren ist eins mit der Frage nach uns selbst. In der Frage, aus der Tiefe aufsteigend, klingt eine Antwort mit – und ein Auftrag. „Wir werden doch nicht nur geboren, um hinzunehmen oder aufzuschreiben, was war und wie es war, als wir noch nicht waren, sondern alles wartet auf uns, die Dinge suchen ihren Dichter und wollen auf uns bezogen sein.” Hartnäckig wiederholt und variiert Bloch die Grundaussage im „Geist der Utopie”: „Denn das, was ist, kann nicht wahr sein, aber es will durch die Menschen zur Heimkehr gelangen.”

Bloch richtete den Blick auf das, „was die Dinge, Menschen und Werke in Wahrheit seien, nach dem Stern ihres utopischen Schicksals, ihrer utopischen Wirklichkeit gesehen.” Im Alter hat er dazu erläutert: „Wahrheit in diesem Sinn ist nicht die wissenschaftliche und auch nicht die phänomenologische, sondern eine utopische Kategorie. In ihr sind das wahre Sein und die Welt getrennt. Die Realität wird nicht aus- oder eingeklammert, sondern verworfen: utopische Wesensschau.” „Nur in uns selber brennt noch Licht, nicht in der Welt.”

Das fragende Staunen, das bohrende Grübeln, das sich auf das Unscheinbare richtet, „das dermaßen leise gellt”, hat mich begleitet. Es will „Etwas” aus uns heraus. Es geht um eine Selbstbegegnung, „vermittels derer (so Bloch) das Inwendige auswendig und das Auswendige wie das Inwendige werden kann.”

So hat der „Materialist” Bloch einen Beitrag geleistet, mich auf einen geistigen Weg zu führen. Ich traf auf die Frage des Parzival: „Was fehlt dir?” Und in der Frage erklingt , wenn sie in innerer „Gralssphäre” gestellt wird, die Antwort. Es geht um das Heilwerden, um eine neue Seelenform, um den nicht endenden Weg, die Utopie zu konkretisieren.

Bildquelle: Wikipedia
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