Selbsterfahrung

Flamenco und Tanz der Seele

Musik bewegt uns. Klänge, von innen und außen tragen uns.
Der ganze Körper wird erfasst.
Formen, Formationen entstehen.

Viele Musik- und Tanzrichtungen gibt es und immer neue entstehen. Keine im europäischen Raum ist wohl so ursprünglich, so existentiell in ihrem Ausdruck wie der Flamenco.

Es gibt ihn seit etwa 200 Jahren als andalusische Kunstform. Der Name „Flamenco” leitet sich – so mutmaßen manche – von Flame ab, der belgischen Volksgruppe. Flamen ließen sich damals in Andalusien nieder. Dort lebende Gitanos oder Zigeuner wurden bald wie die Flamen Flamencos genannt. Sie nahmen großen Einfluss auf den Tanz, in dem sich andalusische Folkolore mit vielen anderen Einflüssen vermischte. Die Gitanos präsentierten ihn bei Festen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Da ihr Leben unter harten Bedingungen verlief, nimmt es nicht wunder, dass der Flamenco das Drama des Menschen auszudrückt: kompromisslos, direkt und ungekünstelt. Die Gitanos konnten Angst, grausame Verlassenheit und endgültige Verzweiflung in Bewegung, Musik und Gesang darstellen.

Zum Flamenco gehört auch Nüchternheit. Fuß-, Hand- und Kopfbewegung werden in kraftvoller Weise aufeinander abgestimmt.
Es ist eine Art „abstrakter” Tanz: weder Thema noch Handlung sind vorgegeben. Er lebt von der Inspiration.

Seine harte und doch melodische Klangart und die dazu gehörenden Bewegungen vermögen Zorn, Verzweiflung, inständiges Bitten, Rebellion und Kummer auszudrücken. Und vieles mehr.
Körperlich gehen die Tänzer oft bis zur Erschöpfung.

Das, was sie nach Außen tragen, mag etwas lösen, bei ihnen selbst und bei den Zuschauern und Zuhörern.

Das Schicksalhafte bleibt indes.

Der Flamenco, wie manch anderer Tanz, drückt aus, was im Inneren ist. Treten wir einmal in die Bewegtheit unseres Inneren ein. Begreifen wir auch dies als einen Tanz.

Wir können uns mit der Seinsfrage auseinander setzen, können uns um Selbstbesinnung bemühen. Das ist ein Schritt hinein ins Innere. Dann kann die Empfindung auftauchen, dass unsere Seele befreiende Antworten bereit hält. Das gleicht dem Schritt eines Partners auf uns zu.

Der Weg zu den tieferen Schichten kann sich als ein tänzerischer Umgang darstellen. Wir versuchen, in die innere Stille einzutreten, dem Tieferen der Seele zu begegnen. Das erweist sich als nicht leicht, immer wieder entzieht es sich uns, immer wieder tritt etwas dazwischen. Doch wir geben unser Werben nicht auf, versuchen stets erneut, uns hinzugeben, zu öffnen, auf das Innerste zuzugehen.

Unsere tapsenden Schritte führen zu Begegnungen. Aus dem Innersten steigt Sehnsucht auf gleich einer geheimnisvollen Melodie. Sie drängt uns dazu, uns mit ihr zu bewegen, Beengendes abzulegen, Knoten aufzulösen, in den Rhythmus der Einheit einzutreten, in die Melodie der Tiefe. Kräfte werden spürbar, sie reichen uns die Hand. Wir können sie „mit leichter Hand” ergreifen, spielerisch, in beseelter Phantasie und Einfühlung.

In innerer Bewegung beginnen wir alte „Gewänder” abzulegen, alte Nebelwände zu durchdringen. Neue Horizonte leuchten auf.

Der Tanz geht über in schnellere Drehung . Stets sind es unsere Muster an Vorstellungen und Gedanken, die wir in spielerischem Umgang mit dem inneren Partner ablegen oder lockern. Wir vertrauen uns seiner Stimme an, stimmen uns auf sie ab.

Unermüdlich verlangt die Seele nach anderen „Gewändern”, die ihr entsprechen, in denen sie ihre Schönheit noch mehr zeigen kann. Sie will, dass wir uns mit ihr vereinigen, eins mit ihr werden, eins mit dem, was in der Tiefe aller Seelen schwingt. Wir binden unsere Gedanken und Empfindungen an das Innerste.

Mit leichten Händen halten und lassen, lassen und halten. So finden wir den inneren Rhythmus und gehen auf in der Melodie des Seelischen.

So durchleben wir uns selbst, ein wenig schlafwandlerisch und doch sehr aufmerksam. So gehen wir durch einen Wald mit dichtem Unterholz, mit der Intuition als unserem Wegführer.

Löse und binde, binde und löse. Wir nehmen an, was vor uns auftaucht, im Inneren wie im Äußeren, wir nehmen es in unsere Leichtigkeit und Wachheit auf. Wir erleben, dass sehr vieles bereit ist, mitzugehen, mitgenommen zu werden auf diesem Weg.

Das Bewusstsein beginnt, mit der Seele zu verschmelzen. Wir erleben Einheit, menschlich und kosmisch. Räume tauchen auf, „Lichtungen”, weite Felder.

Etwas erwartet uns: das, was wir selbst sind: tief, ohne Ende und eins.

Flamenco La Singla, von Wikipedia Urheberrecht: Hans Bernhard
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