Selbsterfahrung

„Fiat iustitia et pereat mundus”

Jemand hatte die Worte „Fiat ars et pereat mundus” mit zarten schwarzen Buchstaben auf eine grobe, weiße Wand geschrieben. Es ist eine Textstelle aus Walter Benjamins Buch „Über die Kunst”. Sie war plötzlich zum eigenständigen Kunstwerk geworden.

Ich stehe mit einigen Jugendlichen davor. Sie zucken mit den Achseln. Einer fragt: „Was heißt das eigentlich?” Keiner weiß die Antwort. Ich verspreche, im Lexikon nach der Quelle des Textes zu forschen und finde dort einen Ausspruch von Kaiser Ferdinand I. (dt. Kaiser von 1556-1564). Er bezieht sich auf die Gerechtigkeit: „…Fiat iustitia et pereat mundus…” Es geschehe Gerechtigkeit und möge auch die Welt daran zu Grunde gehen.

Und plötzlich verstehe ich die Tragik dieses Ausspruchs. Er enthält die Kapitulation der Idee vor dem Gesetz.

Die Worte „Es geschehe Gerechtigkeit” zwingen die Gerechtigkeit in die Form des Gesetzes. Dient das Gesetz im guten Sinn der Idee der Gerechtigkeit, dann gibt es ihr Struktur und sie wird erkennbar und anwendbar. Aber wird das Gesetz angewandt, ohne die Gerechtigkeit im Auge zu haben, dann ist die Idee, die ihm zu Grunde liegt, verloren. Mehr noch: Das Gesetzeswerk, das unverrückbar sich selbst durchsetzt, kann zu einem Instrument werden, das das zerstört, was es eigentlich zu schützen gedachte: „…und möge auch die Welt daran zu Grunde gehen.”

In all dem spiegelt sich auch ein Problem für jeden strebenden Menschen und für den religiös suchenden ganz besonders: Wir müssen mit dem „Joch des Gesetzes” rechnen. In uns und außerhalb von uns.

Wie oft macht man das, was man einmal tief in sich als wahr erkannt hat, für sich zum Gesetz! Wir prägen es uns ein. Es wird zu einer Struktur, gemäß der wir uns entwickeln, an der wir uns orientieren. Aber das Gesetz ist immer nur ein Hilfsmittel, sozusagen eine Krücke, damit man besser gehen kann. Die Idee unseres Glaubens ist formlos, sie vibriert als reiner Impuls in uns. Sie darf nicht zu einem persönlichen Gesetzeswerk erstarren, sondern muss jeden Tag neu erkannt werden. Nur in der aktuellen Erkenntnis führt sie zur „Freiheit des Evangeliums”.

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