Selbsterfahrung

Erlebnisse mit Johann Sebastian Bach

Bei Bach´s Musik ist uns zumute,
als ob wir dabei wären,
wie Gott die Welt erschuf.
Friedrich Nietzsche

Vor kurzem habe ich einen Auszug aus einer Bach-Kantate live gehört. Da geschah etwas mit mir, wie schon längere Zeit beim Musik-Hören nicht mehr. Kurz hob sich ein Schleier, und ich tauchte ein in etwas Unbegreifliches, in etwas Reines, Serenes. Es fühlte sich wie Liebe an. Dann senkte sich wieder mein gewöhnlicher Zustand über mich herab, so als bestünde eine Scheu vor dem Unbekannten, Fremden und doch so Erhabenen. Der Schleier, das alte Bewusstsein, die normalen Gedanken schoben sich wieder davor, wie um mir die leise Furcht vor dem Unnennbaren zu nehmen. Nur die Erinnerung daran blieb zurück. Und das Wissen: Es ist möglich! Ja, was ist möglich? … Die Berührung zuzulassen. Die Liebe zuzulassen. Victor Hugo sagt: „Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber es unmöglich ist, zu schweigen.”

Ein weiteres Erlebnis hatte ich vor langer Zeit mit der Musik Johann Sebastian Bachs. Im Chor sang ich die Matthäus-Passion mit. Tief innen berührte mich die Musik mit ihren reinen Schwingungen. Mir kam ein sonderbarer Gedanke, und ich fragte damals meine Mutter, ob sie, als sie mit mir schwanger war, in dem großartigen Werk als Oratorien-Sängerin solistisch mitgesungen hatte. Sie verneinte. Mir kam die Musik so vertraut und lieblich vor, als hätte ich sie als geborgener Säugling oder gar vor der Geburt gehört. Vielleicht ist es aber ganz anders: Diese himmlische Musik erhebt uns in höhere Sphären und trägt uns wie ein vom Vater-Mutter geborgenes werdendes Gotteskind.

Die Musik von Johann Sebastian Bach mit ihren mathematischen Klang-Gebäuden und vollkommenen Harmonien – mit geschlossenen Augen können wir architektonische Wunder wie Kathedralen schauen – will uns an reine göttliche Sphären erinnern.

Ein Freund sagte über J.S. Bach: „Oh, welch tiefes Suchen …” Bach war mit Sicherheit ein Sucher nach dem Unnennbaren. Aber er hatte bestimmt auch die Aufgabe, die Menschen zu berühren. „Licht senden in die Tiefen des menschlichen Herzens ist des Künstlers Beruf”, sagte Robert Schumann.

Wenn ich Inventionen oder Präludien von Bach auf dem Klavier spiele, muss ich mich jede Sekunde konzentrieren, ich muss ganz bei der Sache sein, damit ich mich nicht verspiele und den „Faden” verliere. Bach spielt auf besondere Weise mit den Noten, in jedem Takt gibt es neue Überraschungen. Ich muss ständig wachsam sein. Er fordert vom Klavierspieler ein volles „im Jetzt sein”. Bei anderen Komponisten kann ich mit den Gedanken abschweifen, ich verbleibe in dem Stück. Bei Chopin kann ich träumen. Bei Bach jedoch habe ich den Eindruck, er baut ein Haus oder gar einen Dom, jeder Stein muss bewusst eingesetzt werden, jeder Griff muss sitzen, damit nicht nachher das ganze Gebäude wieder einstürzt. Ein Bach-Studium ist eine gute Übung, im Moment, im Augenblick wach zu sein und nicht an die Zukunft oder Vergangenheit zu denken.

Allein im „Jetzt” können wir von dem Erhabenen, von dem unbekannten Anderen berührt werden. Gedanken an Vergangenheit oder Zukunft lassen diesen erhobenen Zustand wie Nebelschwaden zerfließen.

Hazrat Inayat Khan, ein Sufi-Meister aus dem letzten Jahrhundert, drückt sich ganz wunderbar aus:

„Die Schönheit einer Linie und einer Farbe reicht weit in uns hinein. Der Zauber eines Duftes reicht noch weiter; die Musik aber rührt in unser innerstes Sein und schafft auf diese Weise neues Leben, ein Leben, das uns als Ganzes ergreift und uns zu jener Vollendung erhebt, welche die Erfüllung des Menschen ist.”

Foto: Rosen von Silke Karwowski
Foto: Johann Sebastian Bach in einem Kirchenfenster der Thomaskirche von Hermann Achenbach
Kommentare

Ihr Kommentar