Persönlichkeiten

Epiktet

„Verlange nicht, dass das, was geschieht, so geschieht, wie du es wünschst, sondern wünsche, dass es so geschieht, wie es geschieht, und dein Leben wird heiter dahinströmen.”

Diesen Ausspruch von Epiktet las ich in seinem „Handbüchlein der Moral” und einerseits klang in mir an: dort liegt ein wichtiger Schlüssel – andererseits stieß ich mich an der Vorstellung, Worten aus einem vielleicht moralisierenden Werk zu vertrauen. Sind nicht in der heutigen Zeit „klare Einsicht” und „geistige Kraft gefragt? Und nicht Dogma und Moralvorstellungen!?

Epiktet erblickte ca. 50 nach Christi Geburt das Licht der Welt. In Griechenland gab es erste christliche Gemeinden. Zugleich wirkten noch viele Zentren des Kybelekultes.

Überliefert ist, dass Epiktet Sklave war. Als Erwachsenen verschlägt es ihn nach Rom an den Kaiserhof. „Freiheit” wird für Epiktet Leitmotiv für sein späteres Leben als Lehrer. Äußere Freiheit blieb ihm lange verwehrt, so dass er die Freiheit in seinem Inneren suchte und fand. Unantastbarkeit seines inneren Kerns wurde zu seiner wesentlichen Erfahrung. In Rom war es ihm erlaubt, philosophische Vorlesungen zu besuchen. Nachdem er aus der Sklaverei entlassen wurde, lehrte er selbst. 89 n. Chr. musste er, wie alle Philosophen, auf Befehl Domitians Italien verlassen. Er siedelte nach Griechenland zurück, wo er bis ca. 120 n. Chr. stoische Philosophie lehrte. Epiktet unterhielt eine persönliche Beziehung zu Kaiser Hadrian. Mit seinem großen Verehrer Marc Aurel traf er der Überlieferung nach nie zusammen. Schriftlich hat Epiktet, wie sein großes Vorbild, Sokrates keine Werke hinterlassen. Überliefert sind seine Gedanken als Abschriften seines Schülers Flavius Arrianus. Epiktets wesentliche Aussagen sind in den „Dissertationes”, dem „Handbüchlein der Moral” und den „Fragmenten” erhalten geblieben.

Die Logik war für ihn Basis wissenschaftlicher Arbeit. Nicht die Dinge selbst bestimmen unser Handeln, sondern unsere Vorurteile. Er sprach in diesem Zusammenhang von „Dogmen”. Und ist es heute nicht tatsächlich so, dass die Vorurteile des Menschen dogmatisch die Welt regieren? So lässt nach Epiktet uns unser „Dogma” vor einem Tyrannen erzittern, vor dem das Kind noch keine Angst hat, weil es eben noch kein Vorurteil gegenüber diesem Menschen gebildet hat. Der Mensch ist selbst verantwortlich für seine guten und schlechten Taten und damit für sein Glück und sein Unglück. Wer begehrt, was nicht in seiner Macht steht, erlebt Leid und dauerndes Unglück. Wer lediglich begehrt, was in seiner Macht liegt, dringt zu Freiheit und innerer Ruhe durch. Der Mensch, der sich so auf sein Inneres zurückzieht und vom Streben nach äußeren Dingen löst, entzieht sich jedem fremden Zwang. Er gewinnt wahre Freiheit. Damit ist Epiktet ein sehr früher Vorvater der heute aktuellen Psychologie des Vorurteils. Geistige Selbsterziehung, deren Kernaufgabe es ist, sich die rechten Wertvorstellungen anzueignen, aus denen das richtige Streben von selbst fließt, ist für Epiktet Teil des Lebenssinnes. Nach seiner Ansicht muss der Mensch sich um seine eigene Vollkommenheit selbst bemühen. Den Mitmenschen gegenüber ist er verpflichtet, ein „zahmes, für die Gemeinschaft bestimmtes Wesen”, Solidarität, Anteilnahme und Hilfe an den Tag zu legen. Die Sympathie mit dem Nächsten leitet sich, so sagt er, vom gemeinsamen göttlichen Ursprung her und schließt niemanden aus, auch nicht den Sklaven. Die Menschen sind Brüder und Schwestern, weil sie von Gott abstammen und in gleicher Weise in ihrer Brust einen göttlichen Funken tragen. Hierfür findet Epiktet begeisterte Worte: „Der Mensch, der ein Tempel Gottes ist, ist ein Bruchstück Gottes. Du trägst einen Teil Gottes in Dir …”

Epiktet geht nicht von einem Weiterleben nach dem Tode aus: Der Mensch, der voll Dankbarkeit scheidet, ist derjenige, der sich zu einer Reise rüstet und sich davor hüten muss, „die Herberge” mit dem Ziel zu verwechseln: „Nun willst du, Gott, dass ich das große Fest verlasse, ich verlasse es. Ich danke dir vorbehaltlos dafür, dass du mich für würdig erachtet hast, mit dir an diesem Fest teilzunehmen und deine Werke zu sehen.” Mit Freude geht er jeden Schritt, hält nicht an der Schönheit der Welt fest und sieht sich eingebunden in das Schöpfungsgeschehen.

Das eingangs zitierte Wort Epiktets ist hilfreich und vielleicht einfacher anwendbar als die prinzipiell gleiche neutestamentarische Aussage: „Herr nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe”. So scheint Epiktet inhaltlich dem Neuen Testament sehr nahe gestanden zu haben, obwohl bewiesen sein soll, dass er nicht aus frühen Evangelien geschöpft hat. Wie dem auch sei, seine überlieferten Worte sind eine Fundgrube für den nach Vollkommenheit strebenden Menschen.

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