Religionen

Einkohlung

Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht begriffen. (Johannes 1,5)

Viele Christen kennen diese Stelle aus dem Beginn des Johannesevangeliums. Mancher glaubt, durch Andacht bereits Anteil an göttlichem Licht zu haben. Viele sind heute der Meinung, Engelsbotschaften zu erhalten.

Seltsamerweise warnt Paulus aber im Kolosserbrief 2:18 vor einem Engelsdienst.

Was könnte mit dem Engelsdienst, vor dem er warnt, gemeint sein?

Unter einem Engel verstehen wir normalerweise so etwas wie einen persönlichen übersinnlichen Boten. Oft wird er als etwa sechs Meter hoch beschrieben, mit Flügeln in der Höhe der Schulterblätter.

Das nichtkanonische Buch Henoch brachte den Europäern am deutlichsten die semitischen Engellehren. Hier ist von den unterschiedlichen Erzengeln die Rede und von gefallenen Engeln. Auch die Engellehre Mohammeds erwähnt, dass etwa ein Drittel der Engel gefallen ist.

Sind aber Engel wirklich persönliche Botschafter für unsere Persönlichkeit, wie wir es uns volkstümlich vorstellen?

Die semitischen Sprachen bestehen grundsätzlich aus Konsonanten, deren Bedeutung durch Vokale variiert wird. Die im Begriff Engel enthaltene Konsonantenfolge NG bildet im Arabischen z.B. das Wort Stern und das El oder Al am Ende das so oft in den semitischen Sprachen benutzte Wort für Starker/Mächtiger.

Sollte daher der Engel eventuell ein komplizierter Lichtprozess sein, der sich meterhoch um uns herum abspielt und mit einer „Welt im Kleinen” zu tun hat, die wir noch gar nicht kennen? Auf das nicht Kennen weist das Johannesevangelium in der zitierten Bibelstelle hin.

Was wir normalerweise für Licht halten, ist gerade das, was Henoch und Mohammed „gefallene Engel” nennen. Es sind Lichtmanifestationen, die nicht mehr an die übergeordnete Lichtordnung gebunden sind. Diese Lichter sind in Wahrheit Finsternis. Das übergeordnete Licht und seine Ordnung begreifen wir nicht mehr.

Wiedergeburt oder die Geburt des buddhi-manas, die Geburt des Lichtmenschen aus unserem Innersten heraus bedeutet daher auch, durch Feuer diese dunklen Lichter und die an sie gebundene Leiblichkeit einzukohlen und dann einzuäschern. Dies wurde bei den nordischen Völkern symbolisch ähnlich dargestellt wie bei den Christen zur Wintersonnenwende, wo brennende Räder zum Julfest die Berge hinabgerollt werden. Bei den Christen wird der Sohn des Feuers im „Stall” geboren, um schließlich zu Pfingsten die gleichen verzehrenden und offenbarenden Flammen zu bringen wie die, die zu Mose durch den brennenden Dornbusch sprachen.

Erleuchtung geschieht durch Einkohlung und Einäscherung und ein Eingehen in eine völlige Finsternis, was die Prinzipien der bisherigen Lichter anbelangt, damit ein ganz anderes Licht nach dem Feuer sichtbar wird. Es ist das Licht der nicht gefallenen Engel, das Licht des unangetasteten Teiles unserer geistigen Struktur, des „Mikrokosmos”.

Die Phase der Einkohlung wird durch das schwarze Kreuz oder den schwarzen Schrein der quadratischen Kaaba in Mekka angedeutet. Durch sie werden die bisherigen Gedankenblitze und Irrlichter des Seins „verkohlt”. Sie zeigen sich in ihrer Dunkelheit und werden kraftlos. So kann sich ein Licht im Menschen konzentrieren, das sich sonst durch die Blendwirkung der vorhergehenden Lichter nicht hätte ansammeln können.

Diese Botschaft ist in der exoterischen Religion verborgen. Das Feuer des inneren heiligenden Werkes macht die ursprünglichen Lichter wieder sichtbar.

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