Bild: Eine persönliche Corona-Bilanz
28. Juli 2020 von Angela Paap

Eine persönliche Corona-Bilanz

Ich lebe an einem Touristenort. Dort brachte der Shutdown Ende März vor allem atmosphärische Ruhe. Anstelle des anschwellenden Ansturms gab es absolute Stille. Diese führte beinah automatisch in die Vertiefung. Und: Die Natur rückte näher, die Tierwelt eroberte sich den Raum zurück. Möwenschwärme rasteten auf der Landstraße und schienen schon vergessen zu haben, wie man Autos Platz macht. Also fahre ich (die ich einen systemrelevanten Beruf ausübe) im Schritttempo, bis die Vögel sich zu erheben geruhen. Bei einem nachmittäglichen Spaziergang galoppiert ein junger Hirsch neben mir durchs Unterholz. Der fast auf Null zurückgegangene Verkehr zu Lande und zu Luft bringt unwillkürlich den Gedanken mit sich, dass das der sogenannten Um-Welt nur guttun kann. Diese scheint aufzuatmen. Ich tue desgleichen. Das Aufatmen resultiert ganz klar auch daraus, dass ich ohne eigenes Zutun Ballast abwerfe – Termine fallen weg, privat wie geschäftlich. Mein Leben wird klösterlich einsam. Diese Einsamkeit begrüße ich.
Mit einem Mal erlebe ich, was mir vorher nur verstandesmäßig klar war. Die Welt und ich sind eins. Diese dekorative Landschaft, in der ich lebe, sie trägt mich. Die Tiere sind Bewohner des gleichen Raumes, in dem auch ich lebe. Der Raum gehört mir nicht, und diese Erfahrung gefällt mir. Ich fühle die Verantwortung für mein Lebensfeld, über die ich bisher im Wesentlichen ehernachgedacht habe.Hat das eine spirituelle Bewandtnis? Ich sage ja. Ich komme weg von mir selbst, hin zu einem Lauschen darauf, was da ist. Da ist Vieles, zum Beispiel eine Einfachheit, an der ich teilhaben kann. Was resultiert daraus?
Nachdem wir uns jetzt wieder dem Zustand nähern, der bisher Normalität hieß, ist meine persönliche Bilanz durchwachsen. Die neue Verbundenheit mit der Natur ist geblieben, dennoch war die anfangs so begrüßte Änderung der Lebensführung hin zur Einfachheit, zur Beschränkung, nicht nachhaltig. Somit stelle ich mir in vielen Augenblicken die Fragen: Kann ich Freiheit anders definieren, ohne schrankenlose Mobilität? Worin spiegle ich mich – müssen es Dinge sein? Wenn ich es schaffe, die beiden ersten Fragen anders zu beantworten, dann wird die Frage, was ich wirklich brauche, neu definiert. Und die leere Mitte muss nicht mehr mit Dingen gefüllt werden, sie darf leer bleiben. Vielleicht leuchtet sie dann.

Foto: Pixabay

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