Selbsterfahrung

Eine neue Klarheit

Es war an einem bewölkten Tag, den ganzen Vormittag und selbst am Mittag überschattete mich etwas. Etwas Dunkles lag über meiner Seele. Es war nicht greifbar, nicht fassbar. Ich wusste nicht, was mich bedrängte, vermutete die Ursache in einem Ereignis am Morgen. Selbst ein guter Freund konnte mich am Nachmittag nicht wirklich aufheitern. Wir gingen einkaufen. An der Kasse sah ich eine junge Mutter mit einem Kindchen im Wagen, das hatte lange schwarze Haare und sah aus wie eine Puppe. Ich musste immer wieder in seine blutsteinfarbenen Augen schauen. Ich wechselte ein paar Worte mit der Mutter …

Während ich das Kind betrachtete, vergaß ich mich selber. Später stellte ich fest, meine Seele konnte wieder frei atmen. Der unerklärliche Alpdruck war fort. Ich nahm wahr, dass die Sonne schien, wurde heiter und scherzte auf dem Rückweg mit dem Freund. Ich spürte wieder Freude im Herzen.

Was war geschehen? Ich bin innerlich zur Ruhe gekommen. Ich habe durch das Kind in dieser Welt etwas Reines gesehen. Ich habe ohne zu urteilen wahrgenommen, ganz wertfrei. Ich bin still geworden. Der Freund und ich sahen beide das Kind, ein kleines Wunder in der Natur, auch er war gerührt, was mich ebenso erfreute.

Im Grunde genommen offenbart sich Gott in jedem Geschöpf, in jedem Lebewesen, sogar in jedem Ding, sei es ein kleiner Lichtstrahl, der durch die dunklen Wolken dringt, sei es ein Vogelschwarm, der zwischen den Formen einer Kugel und einer Ellipse hin und her schwingt, sich verdichtend und wieder aus einander driftend. Sei es ein blaues Mauerblümchen oder die Vielfalt der Schmetterlinge, den Schmetterlingsstrauch umflatternd, oder ein kleines Kind mit den ersten tapsigen Schritten.

Nur in Selbstvergessenheit können wir Göttliches wahrnehmen und uns darüber freuen. Das geschieht im Augenblick, im Jetzt, ganz momentan. Der Moment schenkt uns diese Offenbarung, nicht die Zeit mit ihrer Zukunft und Vergangenheit. Im Moment ist die Ewigkeit enthalten. Wenn wir selbstvergessen sind, öffnet sich im Augenblick etwas ganz Lichtes in uns, uns wird es ganz leicht im Herzen. Wir fühlen uns frei und unbeschwert. (Im Englischen bedeutet das Wort „light” sowohl „leicht”, als auch „Licht”.)

Wir treten gleichsam aus einem dunklen Wald aufatmend auf eine kreisrunde Lichtung. Wir freuen uns, die Klarheit des Himmels über uns zu sehen, da wir uns nach dem Licht sehnen, bewusst nach der Helligkeit des Tages, unbewusst nach dem göttlichen Licht. Wenn wir uns selber nicht mehr wichtig sind, können wir dieses Licht, diese neue Klarheit, wahrnehmen.

Foto: Christel Achenbach
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