Alchemie

Eine heile Welt – kann es sie geben?

Kürzlich sprach ich mit Bekannten über die heutigen Zeitumstände. „Wir leben schon lange nicht mehr in einer heilen Welt”, sagte einer. Ein anderer warf ein: „Gab es denn schon einmal eine heile Welt?”

Wir sprachen länger hierüber. In den uns bekannten Zeiten gab es niemals vollkommene Lebensumstände. Oswald Spengler hat das in seinem Werk „Der Untergang des Abendlandes” eindrucksvoll dargestellt. Viele nachdenkliche Menschen vermuten heute, dass die Entwicklungen immer mehr zu einer Art Fassungslosigkeit führen. Wir beobachten eine beispiellose Beschleunigung des weltweiten Geschichtsverlaufs.

Die Lebensumstände waren schon immer einer Wandlung unterworfen. Doch vollzogen sich die kulturellen Veränderungen früher langsamer. Die Antike wurde abgelöst, indem sich über Jahrhunderte hinweg neue kulturelle Strömungen ausbildeten. Das Mittelalter ging zu Ende, als sich die christliche Kultur mit griechischen und römischen Werten, aber auch mit arabischen und byzantinischen Einflüssen durchdrang.

Heute erleben wir, wie die Kulturen weltweit von der westlichen Zivilisation und dem damit verbundenen Denken überschwemmt werden. Naturwissenschaft und Technik, gepaart mit den Medien und globalen Wirtschaftsstrategien verändern die Welt. Machtkonzentrationen ungeahnten Ausmaßes finden statt. In ihnen drückt sich eine Maßlosigkeit aus, die meines Erachtens einer Besessenheit gleicht. Auch das Kriminelle organisiert sich weltweit. Der Gedanke einer heilen Welt, der in der Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert die Geister noch beseelen konnte, rückt ins Utopische.

Ein Gesprächsteilnehmer verband die Beschleunigung der Entwicklung mit Gedanken der Relativitätstheorie. Dort geht es unter anderem um Masse, Geschwindigkeit, Energie und Zeit. Wenn man bedenkt, wie viel Energie heute weltweit angewandt und freigesetzt wird, so sei es nachvollziehbar, dass auch der Faktor Zeit als Folge hiervon eine Beschleunigung erfährt. Die vermehrte Energie beschleunigt alle Lebensabläufe.

Das kann zur Folge haben, dass wir einer Katastrophe entgegen steuern. Die Erkenntnis drängt sich auf, dass wir das, was für uns wichtig ist, nicht mehr leichtfertig auf morgen verschieben dürfen.

Die Menschheitsentwicklung hat nicht nur im Außen gewirkt, sondern hat auch einen Innenraum in uns geschaffen, ein Ich, ein Selbstbewusstsein. Viele merken heute, dass wir in diesem Innenraum sehr wohl eine positive Verwandlung herbeiführen können. Eine heile Welt im Äußeren erscheint als Illusion. Doch im Inneren kann sie – mit Beharrlichkeit und der Bereitschaft, Egoismen und Verkrustungen aufzulösen – herbeigeführt werden. Viele sind heute zu einem solchen „inneren Weg” herangereift. Wenn sie sich erfolgreich um ihn bemühen, wirkt sich das auch im Äußeren positiv aus. Unsere Zeitumstände machen es notwendig, dass sich möglichst viele zusammenfinden und dieser Aufgabe weihen.

Gemälde: Ulla Schreiber Detailansicht
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