Alchemie

Du fragst mich

Du fragst mich, wie alles angefangen habe.
Ich aber schicke dich zurück zu dem, was nicht beginnt: zu dem Augenblick, in dem du mich fragst und in dem ich dir antworte.Du aber strebst weiter zum Außerhalb des Anfanglosen, möchtest eine Antwort auf dies und jenes haben …

Doch ich bin keine Sammlung von Antworten!

Ich bin eine einzige lebendige Antwort, in der du dich als Frage auflösen musst.

(Vesna Krmpoti?, Klang der Seele)

Der Verstand stellt immer Fragen. Er ist ständig mit etwas beschäftigt, als ob die nächste Antwort die einzig richtige wäre, als ob sie eine wesentliche Änderung, eine Erleuchtung brächte.

Es gibt viele Theorien über die Welt, über das Leben und sein Entstehen. Nun, welche Bedeutung können diese Theorien für einen Menschen haben, der die Wahrheit sucht? Was bedeuten ihm die Worte, wenn die Wahrheit außerhalb der Grenzen der Sinne und des Verstandes liegt?

Die Worte sind für einen solchen Menschen, wenn sie gut sind, Wegweiser zu einem Land, in dem es keine Wege gibt. Sie haben nur dann einen Sinn, wenn sie in eine einzige Richtung zeigen: zurück ins Innerste des Sprechenden. Die gute Frage wendet sich an den Fragenden zurück. Jede Frage, die ein Sucher nach der Wahrheit stellt, kehrt zu ihm zurück als die immer gleiche und aktuelle Frage: Wer bin ich?

Ja, wer ist derjenige, der fragt? Wer ist der, der «es» nicht weiß? Wenn er nicht mehr bestehen würde, würde dann auch die Unwissenheit aufhören zu bestehen? Ist er selbst der Schleier zwischen der Materie und dem Geist, der Schleier, der es dem Geist unmöglich macht, sich frei zu offenbaren?

Der Geist will sich im Menschen offenbaren. Aber der Mensch muss aus dem Geist geboren werden. Erleuchtung ist kein Sammeln von Kenntnis, sondern die Behebung von Unwissenheit, die Aufhebung des falschen Bewusstseins, das nichts weiß und nichts wissen kann.

Das ist nur im Jetzt möglich, denn alles, was wirklich besteht, besteht nur im Jetzt. Die Zeit – Vergangenheit und Zukunft – ist der Zufluchtsort des falschen Ich. Das Jetzt ist ihm unerträglich.

Wenn wir unser Leben auf das ewige Jetzt ausrichten, verliert das Ich seine Kraft und verschwindet, als ob es nie bestanden hätte.

Foto: Christel Achenbach
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