Alchemie

Du bist frei!

Es gibt von dem Dichter Theodor Storm (1817-1888) den Vierzeiler:

Der eine fragt, was kommt danach,
der andre fragt nur, ist es recht,
und also unterscheidet sich
der Freie von dem Knecht.

Die verschiedensten Literaturkritiker, Dichter, Philosophen und Theologen haben versucht, zu ergründen, wer nun der Freie und wer der Knecht ist. Sie kommen zu keiner eindeutigen Lösung. Und Theodor Storm selbst hat sich hierzu nie geäußert. Ich möchte einige Gedanken an diese Verse anknüpfen.

Überall auf der Welt gibt es „Herr und Knecht” -Verhältnisse. Der Herr ist alles, der „Knecht” nichts. Er hat einen strengen Arbeitgeber und hat Angst. Ist das, was er zu verrichten hatte, zur Zufriedenheit ausgefallen? Droht ihm eine Entlassung? Es gibt genug Arbeitslose, die bereit sind, seine Stelle anzutreten. Also demütigt er sich und verrichtet seine Arbeit noch schneller, noch besser, selbst wenn es bis an die Grenze seiner Gesundheit geht.

Anders verhält es sich mit dem, der sich nicht als „Knecht” versteht. Er tritt selbstsicher auf und lässt sich nicht einschüchtern. Als positiv denkender Mensch nimmt er das „Negative”, das ihn bedrängen will, zur Kenntnis, doch er ist nicht willens, sich zu unterwerfen. Seine Ideen sind gut, seine Planungen förderlich. Er vermag zu überzeugen. Er ist kein „Knecht”.

Ist die Schlussfolgerung richtig? Muss sich nicht der vermeintlich Freie fragen, ob er zu selbstsicher ist, ob er zu weit geht, mag er nach seiner Ansicht auch Recht haben? Ersetzbar ist jeder, auch er. Gerade er kann von einer Entlassung betroffen sein. Was ist die Konsequenz für ihn? Er fällt in eine Depression. Die Statistiken legen beredtes Zeugnis davon ab.

So stürzen manche „Freien” ab und manche „Knechte” finden die Kraft, auf ihrer Ebene zu bleiben und sich Wege zu erschließen.

Die äußere Betrachtung der Vorgänge liefert kein überzeugendes Ergebnis zur Frage, wer Herr und wer Knecht ist. Es geht um Inneres, um die Lebenseinstellung. Welches Gewicht hat das, was wir in uns selbst erleben? Wenn wir daran gehen, unseren Innenraum zu erschließen, ist folgendes denkbar: Wir lauschen nach Innen und hören die Stimme unserer Seele: „Magst du auch nach Außen deinem Geschick folgen müssen, es wird dich nicht knechten, du bist dem enthoben, wenn du die Demut hast, dein Denken und Fühlen auf mich abzustimmen und dein Ego mir unterzuordnen. Ich zeige dir dein Lebensgesetz und deine wahre Aufgabe.”

In dieser Stimme, diesem Empfinden, das aus der Tiefe aufsteigt, liegt für mich der Schlüssel. Demut hat heutzutage nicht unbedingt Hochkonjunktur. Doch recht verstanden führt sie zu einer realistischen Sicht der Dinge und Größenverhältnisse, zu einer illusionslosen Selbsteinschätzung, zu einem Sich-Unterordnen unter die innerste Stimme des Herzens. Sie ist der „Herr”.

Die Beschreibungen in den Evangelien im Neuen Testament begreife ich als bildhafte Darstellungen solcher Prozesse. Maria sprach in Demut, als ihr der Engel erschien: „Siehe, ich bin des Herren Magd. Es geschehe, wie Du gesagt hast” – und sie gebar den Sohn Gottes. Das ist die Aufgabe: den Sohn Gottes, die unsterbliche Seele zur Geburt und zur Entfaltung zu bringen. In der Hingabe an dieses Geschehen bin ich frei.

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