Kunst

Diesen Kuss der ganzen Welt

Der Entstehungszeit ist die französische Revolution vorausgegangen, weg von den privilegierten Ständen (Staat und Klerus) hin zum Volk, das somit die Nation sei. Die Ideen der Veränderungswelle brachten die Erklärung der Menschenrechte nach amerikanischem Vorbild hervor.

Die europäischen Staaten blieben von diesen Vorgängen nicht unbeeinflusst. Das Naturrecht der Aufklärung erlebte erneut einen Triumph. Freiheit und Gleichheit des Menschen wurden als politische Ziele verkündet. Das Meinungsäußerungsrecht und das Recht des Eigentums wurden ausdrücklich festgestellt. In vielen europäischen Ländern entstanden, wenn auch mit großen Widerständen, neue Verfassungen. Napoleon stieg auf und überzog die alte Welt mit Kriegen. Die Freiheitsrechte waren eher fraglich als sicher. Der preußische Staat wurde modernisiert. Waterloo! Die Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress! Demokratiebestrebungen in einer Reihe deutscher Staaten! Großer diplomatischer und politischer Einfluss ging von Österreich aus.

Beethoven hatte bereits Anfang des 19. Jahrhunderts seine dritte Sinfonie Napoleon gewidmet. Hierin dokumentierten sich die Hoffnungen auf die „Verwirklichung der platonischen Republik und die Grundsteinlegung zum allgemeinen Weltenglück”. Er notierte auf der Partitur: „Geschrieben auf Bonaparte”. Als Beethoven am 18. Mai 1804 von der Kaiserkrönung Napoleons hörte, zerriss er die Widmung des bereits vollendeten Werkes mit den Worten: „Also ist er auch ein gewöhnlicher Mensch. Nun wird er ein Tyrann werden und die Freiheitsrechte mit Füßen treten.

Trotz sehr angegriffener Gesundheit und fast völliger Taubheit beginnt 1817 Beethoven seiner 9. Sinfonie Gestalt zu verleihen. Mit unmissverständlicher Deutlichkeit und Eindringlichkeit sollten die Ideen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen angesichts des „verzweiflungvollen Zustandes” der Welt in einem Kunstwerk festgeschrieben werden. Der Rückgriff auf Schillers „Ode an die Freude” für das Kantatenfinale, die von Beethoven als „Ode an die Freiheit” verstanden wurde, macht deutlich, dass von ihm die Idee der Gleichheit und Verbrüderung noch nicht ausgeträumt war.

Nachdem der Bariton im 4. Satz der Sinfonie mit Beethovens Worten „freudenvollere Töne” einfordert stimmt er in die Freudenmelodie des Orchesters ein. Er singt die 1. Strophe Schillers Ode: „Freude schöner Götterfunken…” Chor und Solisten treten nacheinander und dann gemeinsam hinzu. In wunderbarer Weise verbindet sich der Gesang der Menschenstimmen mit dem Geflecht der Orchesterinstrumente zu einer hymnischen Rhythmik. Feierlich erreicht die Musik den Ausruf: ” Und der Cherub steht vor Gott!” Hier wird deutlich, dass die höchste göttliche Kraft in allen Universa angesprochen wird. Dreimal werden die Worte „vor Gott” mit großer Kraft wiederholt. Mit einem genialen Wechsel von A-Dur nach F-Dur erstrahlen die Stimmen in wunderbarem Glanz. Die Komposition der Worte ist ebenso phantastisch wie die der Musik. Kann man in einer schöneren Sprache mit der Menschheit kommunizieren? „Seid umschlungen Millionen. Diesen Kuss der ganzen Welt!”

Und nun decken sich die Gottessichten Schillers und Beethovens offensichtlich. Musikalisch wird dem höchsten Wesen geopfert. Es rieselt erschauernd über den Rücken: „Brüder, überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen”. Der musikalische Nachdruck liegt auf dem Wort „muss”. „Ahnst Du den Schöpfer, Welt? Such ihn überm Sternenzelt!” Leise wiederholt das Orchester die Melodie: Die Sterne flimmern vor Augen! – Kann man Menschheitsverbrüderung in der Kunst überhaupt darstellen? – Wohl nur Musikalisch! Was reicht an diese Musik heran? – Das Motiv der Freude „Freude schöner Götterfunke; Tochter aus Elysium” wird in einer schier unvorstellbar schönen Doppelfuge mit der Verbrüderungsmelodie „Seid umschlungen – Millionen” übereinander gelegt. Die göttliche Kraft muss in diese Welt eintreten, im einzelnen Menschen Raum erhalten und wie in einer atomaren Kettenreaktion alle Menschen ergreifen: Seid umschlungen Millionen! – Und ist es nicht eine unbeschreibliche Freude: „Alle Guten, alle Bösen folgen ihrer Rosenspur„.

Das Orchester rast mit unbeschreiblicher Kraft dem Abschluss entgegen: Der Kuss der ganzen Welt aus dem Elysium! Zur gleichen Zeit komponierte Beethoven seine Missa solemnis. Er schrieb über die Partitur: „Von Herzen – möge es wieder zum Herzen gehen”. Dies gilt ohne jeden Zweifel auch für die Neunte.

Und ich sitze tief bewegt und erschüttert im Konzertsaal. Brausende Wogen des Applauses, standing ovations. – Ich staune über die hohen Ideale, die Wahrheitsaspekte, die Menschenliebe und das tiefe Wissen von der einen unkennbaren, unbeschreiblichen, wirkenden Kraft, die in allen Kunstgattungen zu finden ist. Sie wird uns Menschen offenbar, wenn wir mit dem Herzen wahrnehmen. – Wie lange lebt dieses Gefühl und die Erfahrung einer Einheit auf einer höheren Ebene in uns? – Noch viele Tage nach dem Konzert steigen immer wieder Melodien und Schillers Worte in mir auf. Die tiefe Bewegung ist unverändert in mir. Worte vermögen nicht auszudrücken, dass diese unbekannte Kraft sich in uns manifestieren will. – Sie will uns von der Möglichkeit mitteilen. – Sie will Herz und Haupt zur Einsicht anleiten. – Sie will uns den Weg andeuten. – Gehen müssen wir ihn selbst!

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