Philosophie

„Die Welt ist alles, was der Fall ist.”

Dieser Ausspruch stammt von dem Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889-1951). Von ihm gibt es umfangreiche Betrachtungen zur Philosophie der Logik, der Sprache und des Bewusstseins. Er ist der Ansicht, dass philosophische Arbeit vielfach eine Arbeit am eigenen Selbst ist, vergleichbar einer Therapie.
Hieran möchte ich anknüpfen und in mir nachspüren, welche Assoziationen der zitierte Ausspruch in mir auslöst.

Welcher Fall könnte gemeint sein?

Sind es die Fakten, die uns bekannt sind, also die „realen Gegebenheiten” der materiellen Welt? Oder sind damit die Wechsel-Fälle des Lebens gemeint?

Alles in der Welt ist „der Fall”. In den Mythen wird vom Fall des Menschen gesprochen. Es heißt, dass der Mensch als ursprünglich, göttlicher Mikrokosmos in das Jetzt der Zeiten, in das diametrale Feld dieses Bestehens fiel.

Zu den Konsequenzen dieses Falles gehört es, dass wir uns als gefallene menschliche Wesen keine genaue Vorstellung von dem Zustand machen können, der „vor dem Fall” bestand.

Um was für eine Seinszustand könnte es sich dabei gehandelt haben? Ließe sich davon im Heute noch etwas realisieren? Immer wieder haben Menschen darauf gehofft, dass das Paradies hier auf Erden errichtet werden kann. Das Scheitern der vielen Versuche ist offensichtlich. Das Paradies gehört zu einer anderen Bestehensordnung an. Es hat nichts gemeinsam mit dem „gefallenen” Zustand dieser Welt. Und so ergeht es auch dem heutigen Menschen.

Wenn wir an den Garten Eden denken, besteht die Gefahr, dass wir uns Adam und Eva in einer Menschengestalt vorstellen, wie wir sie heute besitzen. Wir projizieren dann das Ergebnis des Falles auf die Zeit vor dem Fall.

Doch Adam und Eva sind geistig-seelische Wesenheiten in einem für uns nicht vorstellbaren Körper ätherischer Art. Sie lebten in einem Zustand der Unbewusstheit oder Halbbewusstheit, eingebettet in die Kräfte des göttlichen Urprinzips und der ursprünglichen Substanz.

Die biblische Mythe berichtet, dass sie Früchte vom „Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen” aßen. Dadurch setzten sie eine Entwicklung in Gang, die zu unserer jetzigen stofflichen Körperlichkeit führte sowie zu unserem Ich- und Selbstbewusstsein. Vielleicht bestand das „Essen” dieser Früchte in einer Hinwendung zum Körperlichen. Vielleicht bestand es darin, dass sie die Materie, den Stoff, die Sexualität entdeckten.

So begannen zwei unterschiedliche Gesetzmäßigkeiten zu wirken: die des ewigen, ursprünglich, göttlichen Lebens und die der Vergänglichkeit. Das ewige Leben erfüllt den inneren Kern des Menschen, das göttliche Urprinzip in uns. Unsere stoffliche Hülle gehört demgegenüber der Vergänglichkeit an. Sie muss immer wieder zu Materie, zu Staub zerfallen.

Die Zweifachheit wird erst dann aufgehoben, wenn der Mensch eines Tages eine Gestalt erringt, die dem göttlichen Urprinzip entspricht und ebenso wie dieses unsterblich sein wird. Es wird ein ätherischer Körper sein, der in der Vibration der Christuskraft schwingt.

Ein Symbol für das Unsterbliche ist der „Baum des Lebens”, er steht in der Mitte des Paradieses, eines Feldes des ewigen göttlichen Wirkens. Aber er ist auch in unserer eigenen Mitte, er ist das göttliche Urprinzip in unserem Herzen. Das bedeutet: das Paradies ist in uns verborgen. Es ist möglich, dass wir diese Quelle lebenden Wassers freilegen.

Die Zeit hierfür rückt wohl für viele heran. Viele fühlen sich zur Suche nach der göttlichen Heimat gerufen. Sie spüren, dass sie in der „Welt des Falles” nicht wirklich zu Hause sind.

Wir haben Wasser vom „Strom des Vergessens” getrunken.

Ich möchte mich erinnern an „mein” wahres Sein. Ich versuche, mein Leben mit neuen Augen zu sehen. Wittgenstein sagt, nicht alles, was Sinn ermöglicht, muss selbst bereits sinnvoll sein. Das entspricht meiner Erfahrung. Ich tue Dinge, die von der Welt nicht unbedingt als sinnvoll angesehen werden. Manche von ihnen ermöglichen mir aber das Erwachen des tieferen Sinnes in diesem Leben.

Die Worte in Offenbarung 21 „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde” entfalten ihren Klang auf neue Weise in mir.

Wie verbinde ich mich mit einem Klang, der aus einer anderen Lebensebene stammt? Ich bemühe mich, hierfür „Ohr” zu sein. Das Intuitive wird mir zu einem Begleiter. Ich spüre, dass das Neue da ist. Und so versuche ich nicht mehr, die Welt, die „der Fall ist”, zu ändern. Vielmehr beginne ich, mich selbst zu ändern, indem ich mein Lebensverhalten auf die Impulse aus dem Innersten abstimme. Ich weiß, dass sich Ideale in dieser Welt nicht verwirklichen lassen, dass sie aber mit segensreichen Folgen im Herzen wachsen können.

Erfahrungen des Versagens, Enttäuschungen über einen Menschen, Gefühle der Ausweglosigkeit – all dies trägt nur dazu bei, dass sich mir innere Augen öffnen.

Ich habe Gleichgesinnte gefunden, eine Sphäre, in der ich etwas von den „Wassern des Lebens” erfahre. Ich erlebe eine andere „Schwerkraft”. Sie wirkt dem Fallen entgegen, geht vom Reich der Seele aus. Der Fall kehrt sich um in einen Aufstieg. Er führt ins geistige Universum. Das Licht, das mich hierbei leitet, erbaut das Innere neu.

Die Welt, die der Fall ist, wird zum wichtigen Ausgangspunkt für den Weg.

Abbildungen: Ludwig Wittenstein Quelle Wikipedia
Khalil Gibran: Göttliches Universum
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