Alchemie

Die Sandwüste

Vielleicht haben Sie schon einmal das Gleiche erlebt: Ich bin glücklich, voll der Freude, denn das Leben ist so schön. Die Natur strahlt im Glanz der Sonne. Komplimente wurden mir gemacht und das tut gut. Meine zu verrichtende Arbeit und die damit verbundenen Aufgaben liefen perfekt. Ja, das Leben im Einklang mit dieser Welt, es ist schön!

Und eines Tages, völlig unerwartet und ohne jeden Grund, war alles anders. Der Himmel erschien mir grau, grau, die Sonne verborgen hinter dunklen Wolken, mein Leben mit all seinem Tun und Treiben sinnlos. Ich fühlte mich zu tiefst deprimiert, allein, verlassen. Meine Familie, die Freunde merkten es und sagten: „Lass nur, das gibt es mitunter und geht wieder vorbei. Du wirst sehen, dass wir recht haben.” Doch dieser wohlgemeinte Trost half nicht. Die Sinnlosigkeit blieb. Hatte ich in meinem Leben etwas falsch gemacht, mir mein Glücklichsein nur vorgegaukelt? Da erinnerte ich mich an eine Erzählung der Sufis, einer sehr alten spirituellen Bewegung des Islam:
Die Sandwüste
Ein Strom floss von seinem Ursprung in fernen Gebirgen durch sehr verschiedene Landschaften und erreichte schließlich die Sandwüste. Genauso, wie er alle anderen Hindernisse überwunden hatte, versuchte der Strom nun, auch die Wüste zu durchqueren. Aber er merkte, dass, so schnell er auch in den Sand fließen mochte, sein Wasser verschwand. Er war jedoch überzeugt davon, dass es seine Bestimmung sei, die Wüste zu durchqueren, auch wenn es keinen Weg gab.

Da hörte er, wie eine verborgene Stimme, die aus der Wüste kam, ihm zuflüsterte: „Der Wind durchquert die Wüste, und der Strom kann es auch.” Der Strom wandte ein, dass er sich doch gegen den Sand werfe, aber dabei nur aufgesogen würde, der Wind aber fliegen könne und deshalb die Wüste zu durchqueren vermöge. „Wenn du dich auf die gewohnte Weise vorantreibst, wird es dir unmöglich sein, sie zu durchqueren. Du wirst entweder verschwinden, oder du wirst ein Sumpf. Du musst dem Wind erlauben, dich zu deinem Bestimmungsort hinüberzutragen.”

„Aber wie sollte das zugehen?” „Indem du dich von ihm aufnehmen lässt.” Diese Vorstellung war für den Fluss unannehmbar. Schließlich war er zuvor noch nie aufgesogen worden. Er wollte keinesfalls seine Eigenart verlieren. Denn wenn man sich einmal verliert, wie kann man da wissen, ob man sich je wiedergewinnt? „Der Wind erfüllt seine Aufgabe”, sagte der Sand. „Er nimmt das Wasser auf, trägt es über die Wüste und lässt es dann wieder fallen. Als Regen fällt es hernieder, und das Wasser wird wieder ein Fluss.”

„Woher kann ich wissen, ob das wirklich wahr ist?!” „Es ist so, und wenn du es nicht glaubst, kannst du eben nur ein Sumpf werden. Und auch das würde viele, viele Jahre dauern; und es ist bestimmt nicht dasselbe wie ein Fluss.” „Aber kann ich nicht derselbe Fluss bleiben, der ich jetzt bin?”

„In keinem Fall kannst du bleiben, was du bist”, flüsterte die geheimnisvolle Stimme. „Was wahrhaft wesentlich an dir ist, wird fort getragen und bildet wieder einen Strom. Heute wirst du nach dem genannt, was du jetzt gerade bist, doch du weißt nicht, welcher Teil deines Selbst der Wesentliche ist.”

Als der Strom dies alles hörte, stieg in seinem Inneren langsam ein Widerhall auf. Dunkel erinnerte er sich an einen Zustand, in dem der Wind ihn auf seinen Schwingen getragen hatte. Er erinnerte sich auch daran, dass dies, und nicht das jedermann Sichtbare, das Eigentliche war, was zu tun wäre. Und der Strom ließ seinen Dunst aufsteigen in die Arme des Windes, der ihn willkommen hieß, sachte und leicht aufwärts trug und ihn, sobald sie nach vielen, vielen Meilen den Gipfel des Gebirges erreicht hatten, wieder sanft herabfallen ließ.

Und weil er voller Bedenken gewesen war, konnte der Strom nun in seinem Gemüt die Erfahrungen in allen Einzelheiten viel deutlicher festhalten und erinnern und davon berichten. Er erkannte: „Ja, jetzt bin ich wirklich ich Selbst.” Und die Sandwüste flüsterte: „Wir wissen, weil wir sehen, wie es sich Tag für Tag ereignet: Denn wir, die Sandwüsten, sind immer dabei. Und deshalb sagt man, dass der Weg, den der Strom des Lebens auf seiner Reise einschlagen muss, in den Sand geschrieben ist.”

Warum war es gerade diese Erzählung, die mir in meinem augenblicklichen Zustand einfiel? Eine Wüste stellen wir uns nicht gerade als einen idealen Ort vor, der Glück und Zufriedenheit verheißt. Und was soll das bedeuten: „… dass der Weg, den der Strom des Lebens auf seiner Reise einschlagen muss…”? Muss er das, und wohin?

Im Stillwerden begann ich die Symbolik dieser Erzählung zu begreifen. Doch hierzu musste ich aus meinen festgefahrenen Vorurteilen und Denkmustern ausbrechen. Sie verengen immer unsere Sicht der Dinge. Wie der Fluss wehrte ich mich zuerst dagegen. Es war mein Stolz, der die ungetrübte Selbsterkenntnis abwehren wollte. Doch dann war es mir, als würde auch in mir eine leise Stimme hörbar: „Ist es nicht immer dein geheimer Wunsch gewesen, im Nachdenken und Nachfühlen dich selbst und damit deinen wahren Weg zu verstehen? Dies ist nicht mit dem ich-bezogenen Denken möglich, sondern nur mit dem Herzen, das ein Licht in dir entflammen möchte. Im Hier und Jetzt! Damit ist kein Dich-aus-dem-Leben-Zurückziehen gemeint. Im Gegenteil. In deinem ganz „normalen” Leben, im Beruf, der Familie musst du dich bewähren – als ein Licht in der „Wüste” und damit auch im Dienst an anderen.”

Ja, darin erkenne ich den Sinn!

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