#1503#
10. August 2011 von Christel Maria Achenbach

Die Rosen dürsten jetzt

Es ist später Vormittag. Der Himmel ist verhangen. Das letzte Gewitter hat nicht den ersehnten Regen gebracht. Ich gehe durch meinen Garten und entdecke, wie hier und da Pflanzen ihre Blätter hängen lassen. Schlapp und gebeugt stehen sie da. Es ist, als ob eine Botschaft von ihnen zu mir ausgeht: „Gib mir Wasser, gib mir die Lebensenergie zurück!!!“ Der Hilferuf erreicht mich und ich schließe den Gartenschlauch an, um sie zu wässern.

Eine Nachbarin sieht mir zu und fragt: „Meinst du, dass das notwendig ist? Es könnte doch gleich regnen!“

„Ja das stimmt“, entgegne ich, „aber meine Rosen brauchen jetzt Wasser.“

Später erinnere ich mich dieser eigentlich alltäglichen Begebenheit und entdecke eine tiefe Wahrheit.

Ist es nicht oft so, dass wir Dinge und Nöte, die wir bemerken, wieder verdrängen und sagen: „Ach, das hat noch Zeit oder das wird sich von selbst erledigen, oder da wird ein anderer kommen und das erledigen …“

Gedanken, Erinnerungen und Bilder steigen in mir auf. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Leben am intensivsten ist, wenn ich im Jetzt lebe. In einem solchen Moment entdecke ich zum Beispiel, dass die Rosen im Garten müde aussehen, dass ihnen Kraft fehlt, sich zu öffnen und ihre Schönheit zu entfalten. Ich entdecke, dass von ihnen eine Botschaft ausgeht.

Mir fällt der „Kleine Prinz“ von Saint-Exupéry ein, dem sehr wohl bewusst war, für seine Rose verantwortlich zu sein und sich täglich um ihr Wohl kümmern zu müssen.

In Weisheitslehren wird von der Rose als einem geistigen Prinzip gesprochen, das im Innersten des Menschen versunken ist und wieder zum Leben erweckt werden kann, ja muss.

Diese Rose dürstet seit Urzeiten und zur rechten Zeit entdeckt sie der Mensch, stellt fest, dass sie Wasser braucht, Leben erweckendes Wasser. Und er weiß: Die Rose dürstet und sie braucht jetzt Wasser. Ich darf nicht mehr warten, ihre Signale ignorieren oder auf jemanden hoffen, der es für mich erledigt.

Foto: Hermann Achenbach

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Alle Felder sind erforderlich.