Religionen

Die muslimischen Mystiker, die Sufiya

Im Rahmen einer Beschäftigung mit dem Islam hat das Sufitum mein besonderes Interesse erweckt. Die Situation ist unübersichtlich und kompliziert. Zahllose Gruppierungen existieren, eine nicht zu überschauende Vielfalt von Sufi-Orden. Die arabischen Sufiya oder die persischen Sufiyan gehören den muslimischen Mystikergruppen an, die sich zu den Regeln des „Tasawwuf” bekennen.

Die Herkunft des Wortes Sufi ist nicht eindeutig. Die im Westen oft vertretene Ableitung vom griechischen sophos, weise, ist philologisch nicht haltbar. Einige leiten den Namen von dem arabischen Wort für Reinheit (safa) ab. Meist wird jetzt die Ableitung von suf, Wolle, akzeptiert, denn das grobe Wollgewand der ersten Asketen war ihr besonderes Kennzeichen. Auch hat es in früheren Zeiten einen arabischen Stamm, die Sufa, gegeben, der sich vom Weltlichen zurückzog und dem Tempeldienst in Mekka widmete.

Bekannte Namen, die zu den geistigen Impulsgebern des Sufitums gehören, sind: Dschellaleddin Rumi, Ibn Al-Arabi und Al-Ghassali.

Rumi, 1273 in Afghanistan geboren, gilt als einer der größten Mystiker der arabischen Welt, der mit seinem „Orden der tanzenden Derwische” bekannt wurde. Dieser Orden war zu Rumis Zeit, aber auch Jahrhunderte später Zuflucht für alle, die vor engstirnigem religiösen Fanatismus flohen. Toleranz, Offenheit, Wärme und Liebe machten Rumi nicht nur im islamischen Bereich, sondern auch in seiner christlichen und jüdischen Umgebung beliebt. Er hinterließ ein umfangreiches poetisches Werk.

Ibn Al-Arabi, geboren 1164, war ein spanisch-arabischer Mystiker. Er studierte in Sevilla und ließ sich im 13. Jh. in Damaskus nieder. In seinen „Mekkanischen Offenbarungen” beschreibt er seine pantheistische Weltanschauung. Er verschmilzt platonische Weltvernunft mit dem „Licht Mohammeds”, aus dem die Menschen erschaffen wurden. Einer der Kernsätze Al-Arabis war: „Wer sich selbst kennt, kennt seinen Schöpfer!”

Der 1058 geborene Perser Al-Ghassali war ein hervorragender Philosoph und Theologe, der über ein umfassendes Wissen von sämtlichen Schulen und Glaubensrichtungen verfügte. Als Inhaber einer Professur in Bagdad prüfte er kritisch alle Lehren und gelangte zum Sufismus. Seine Erkenntnis war, dass jeder Mensch ein Organ besitzt, das aus der göttlichen Welt stammt und das ihn mit der Gotteserkenntnis und der Liebe zu Gott verbindet. Diese verborgene göttliche Substanz nennt er das „Herz”. Von ihr geht die Sehnsucht des Menschen aus, da sie in die Heimat zurückkehren will. Die im Fleische gefesselte Substanz werde durch alchemische Läuterung auf dem mystischen Pfad stufenweise ans Licht gebracht.

Wie kann man das Sufitum charakterisieren?

Kernbedingung für die sufische Erfahrung ist das „Bei Null anfangen”! Dies beinhaltet das Aufgeben des gesamten Weltbildes und der eigenen Wertestruktur. Ferner ist es notwendig, jede Gottesvorstellung als Erklärung der menschlichen Existenz außer Acht zu lassen. Religion als Erklärung der Sinnhaftigkeit des Seins ist falsch. Nur durch eine solche Grundhaltung ist der Zugang zu Tasawwuf zu erreichen. Tasawwuf ist zu umschreiben als das Beiseitelassen aller Phantasievorstellungen, wie Geschichte, Klasse und Individualität. Das Subjekt von Tasawwuf ist der Mensch auf dem Pfad, ist die Wirklichkeit. Tasawwuf beginnt mit der Bejahung des EINEN. Tasawwuf ist die Wissenschaft von der Einheit. Das Wesen des Menschen werde im augenblicklichen Zustand nicht verstanden; der jetzige Zustand sei eine fortdauernde Halluzination. Wenn es den Menschen danach verlange, die Wirklichkeit zu erkennen, müsse er sich selbst erkennen. Der Mensch sei der einzige Schlüssel zur Wirklichkeit. Die Tasawwuf-Erfahrung beginne mit der Aufgabe aller eitlen Vorstellungen und aller Vorurteile.

Erfahrungen dieser Art erschließen sich nicht ohne Weiteres. Sie sind Kennzeichen eines spirituellen Weges. Versuchen wir nur einmal, eine gedankliche oder gefühlsmäßige Vorstellung als Vorurteil zu identifizieren und dann dieses Vorurteil aufzugeben …

Die Tasawwuf-Erfahrung hat u. a. zum Ziel, den Sünde-Buße-Schuld-Mechanismus abzulegen. Gelänge dies, könnte eine schwere Last der Menschheit, die für Hoffnungslosigkeit und Neurose steht, geschwächt, gemildert, vielleicht sogar eliminiert werden.

Die sufische Erfahrungslehre verfolgt mit diesen Ansätzen die demütige Einordnung unter Mohammed, der vom Heiligen Geist (Erzengel Gabriel) inspiriert wurde. Er sagte u. a., er sei „gesandt, um zu vergeben, nicht, um zu verfluchen.” Er sei „gesandt, die edlen Eigenschaften des Charakters zu vervollkommnen.” „Stirb, bevor du stirbst!” Damit wird eine tief gnostische Zielsetzung angesprochen, deren Inhalt es ist, durch Einstrahlung der göttlichen Kräfte das Ich zu entmachten (sterben zu lassen), damit das wahre göttliche Ich im Herzen des Systems erwachen und wirken kann. Und dieser Schritt findet statt, bevor der Mensch seinen physischen Tod erleidet.

Erahnen wir die Freude, die eine spirituelle Lebensaufgabe uns schenken kann! Dann kann man sich sogar einen Derwisch- oder Fakir-Tanz der Freude vorstellen, einen Tanz, der eine geheiligte Sphäre eröffnet.

Abbildung: Derwische, wikimedia, urheberrechtsfrei
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