Selbsterfahrung

Die Furcht vor dem Neuen

Als Unterrichtseinstieg notierte ich an der Tafel: „Das Bewusstsein bestimmt das Sein” und forderte die Schüler auf, diesen Lehrsatz zu erläutern. Nach einer lebhaften Diskussion entfuhr es plötzlich einem Schüler: „Moment mal, das bedeutet ja, dass unser Leben in unseren Händen liegt, dass wir alles Bestehende ändern können?!”

Das begeisterte Aufblitzen in seinen Augen, dieses deutlich erkennbare Begreifen, die Lebensumstände nicht als gegeben zu betrachten, sondern als etwas Formbares, hatte mich bewegt und erfreut. Natürlich kann man nicht sagen, dass das Leben einem rohen Klumpen Ton gleicht, den wir gemäß unseren Vorstellungen zurechtkneten können. Dennoch können wir, wenn wir uns für einen spirituellen Weg entscheiden, unseren Lebensschwerpunkt komplett verlagern und damit dem Leben eine ganz neue Richtung geben. Das heißt zum Beispiel, sich, während man seinen täglichen Pflichten nachgeht, nicht mehr als nötig auf die äußeren Gegebenheiten zu richten. Die normalen Tätigkeiten, die wir verrichten, können eine Art Lehrbuch sein für unsere seelisch-geistige Entwicklung. Wir können – das ist mir deutlich geworden – an ihnen das erkennen, was unser Leben bestimmt und das loslassen, was unsere seelische Entwicklung behindert.

Was aber bedeutet „loslassen”? Im Französischen gibt es eine schöne Redewendung dafür: „Il faut tourner la page”, man soll also die Seite umblättern. Was umgeblättert ist, kann nicht mehr betrachtet werden, also auch nicht mehr mit der Energie unserer Gedanken genährt werden. Und was keine Nahrung erhält, das stirbt.

Dies klingt so einfach und fällt doch oft so schwer. Woran liegt das eigentlich? Der Romanheld Raskolnikow aus Dostojewskijs Werk „Schuld und Sühne” führt es auf die menschliche Furcht zurück: „Alles ist dem Menschen in die Hand gegeben, und alles lässt er sich entgehen … Es ist interessant, was die Menschen am meisten fürchten: einen Schritt ins Ungewisse, ein neues Wort, das sie sprechen könnten…”

Woher rührt diese Furcht? Warum sind wir so oft eher bereit, eine leidvolle Situation zu ertragen, als uns Neuem zuzuwenden? Haben wir denn nicht auch schon die Erleichterung erlebt, die sich einstellt, wenn wir einen neuen Weg eingeschlagen haben? Eigentlich ist diese Furcht nichts anderes als mangelndes Gottvertrauen, mangelndes Vertrauen in die göttliche Führung. Doch wir können uns auch von der Kraft der Worte durchdringen lassen:”Gott lässt nicht fahren die Werke seiner Hände”. Dann schwindet die Furcht.

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