Selbsterfahrung

Die Erlösung der Natur

Mein letzter Urlaubstag. Ich sitze auf einer Bank am Wattenmeer. Vor mir eine große ebene Fläche. Das Wasser hat sich weit zurückgezogen. Ebbe und Flut, diese beiden Gefährten, prägen in ihrem wechselseitigen Spiel diese Küstenlandschaft. Hat die Flut bereits eingesetzt? Vielleicht ist es der „Moment dazwischen”, der kurze Moment des Einhaltens, vergleichbar mit der kurzen Pause zwischen zwei Atemzügen. Genau an diesem Punkt befinde auch ich mich: zwischen Ausatmen und Einatmen. Heute ist noch Urlaub, morgen beginnt wieder meine Arbeit.

Der steile Abhang unterhalb meiner Aussichtsbank ist übersät von dunklen Felsbrocken. Schwarz und unbeweglich wirken sie auf mich: verdichtete Materieklumpen, die auf irgendetwas zu warten scheinen.

Nicht weit entfernt davon – auf den ins Meer einmündenden Salzwiesen – recken tausende wunderbar zart geformter, lilafarbener Blütenköpfe sich dem Sonnenlicht entgegen. In ihrer Üppigkeit und Schönheit verströmen sie etwas Übernatürliches, Jenseitiges, ein Versprechen, eine Verheißung. Im Gegensatz zu den bewegungslosen Steinklumpen sind diese Pflanzen in der Lage, sich für das Licht zu öffnen, im Licht zu atmen. Sie können es aufnehmen und verwandeln. Sie lassen eine erstaunliche Hingabe für das „Wachsen im Licht” erkennen.

Zwischen den schwarzen Felsbrocken rennen Scharen von Wattvögeln aufgeregt hin und her. Einige besitzen spitze Schnäbel, um die tief im Schlick sitzenden Wattwürmer aufzupicken, andere haben löffelartig geformte Schnäbel, mit denen sie Steine umwälzen und die darunter versteckten Kleintiere aufspüren können. Mir fällt die ununterbrochene Bewegung auf, die von den Wattvögeln während ihrer rastlosen Futtersuche ausgeht. Jeder einzelne Vogel scheint durch ein unsichtbares Band mit seiner spezifischen Gruppe verbunden zu sein. Ohne erkennbare Absprache fallen alle Mitglieder einer Vogelart in ein ohrenbetäubendes Geschnatter ein, während im nächsten Moment alle Vogelstimmen – wie von Geisterhand geführt – verstummen.

Plötzlich frage ich mich: Wie würde man von einer höheren Warte aus – sozusagen aus einer „transparenten google-earth-Sicht” heraus – auf den Menschen blicken? Was macht den Menschen aus?

Mir kommt es so vor, als seien die Eigenarten der verschiedenen Naturreiche immer auch schon im Menschen enthalten:
–die „Erdenschwere” der Steine,
–das „Geöffnetsein”, die Sehnsucht der Pflanzen nach dem Licht,
–das kollektiv gesteuerte, „rastlose Umherirren” und Suchen der Tiere nach dem Muster: „Friss oder stirb!”
Sind dies nicht auch zutiefst menschliche Wesenszüge?

Doch worin liegt das Unverwechselbare, das ganz Einmalige des Menschen? Was macht den Menschen – neben diesen „Spurenelementen” aus dem Mineralien-, Pflanzen- und Tierreich – zu etwas ganz Besonderem?

Ist es sein Verstandesbewusstsein? Ist es seine Fähigkeit, über sich selbst und seine Umgebung reflektieren zu können, miteinander zu kommunizieren, gestalterisch tätig sein zu können?

Wenn wir die heutige Welt betrachten, müssen wir ernüchtert feststellen: Welch gewaltiger Abgrund tut sich hier auf, welche „Verirrungen” sind entstanden
–zwischen Herz und Kopf,
–zwischen Anspruch und Wirklichkeit,
–zwischen selbstschöpferischer Potenz und selbstsüchtigem Handeln?

Das Unverwechselbare, das eigentliche Potential des Menschen muss offensichtlich noch geboren werden. Eine ganz neue Art von innerer Arbeit scheint dafür erforderlich zu sein. Verstandesmäßiges Denken und die Intuition des Herzens können, ja müssen auf fruchtbare Weise zusammenwirken. Eine völlige Neuschöpfung wartet auf ihre Geburt. Jan van Rijckenborgh spricht vom „kommenden neuen Menschen”.

Gemeint ist ein Mensch,
–der sich einerseits völlig vom tierhaften Gruppenzwang emanzipiert hat,
–der aber andererseits bei voll entwickelter Individualität in seinem ganzen selbstschöpferischen Handeln „Verantwortung” zeigt.

„Verantwortung” meint: Antworten und freiwilliges Sich-Einfügen in den alles umfassenden Bauplan der Schöpfung.

Das Spezifische, Unverwechselbare des Menschen sehe ich darin, dass er einen Schatz in sich trägt, eine sprudelnde Quelle, ein selbstschöpferisches Potential, mit dem er an seiner eigenen Erlösung und der Erlösung der ganzen Natur mitwirken kann. Die Mineralien, die Pflanzen, die Tiere brauchen den eigentlichen Menschen, den innerlich ausgerichteten Menschen, der diesen Schatz freilegen möchte.

Beim Blick über die Weite des Wattenmeeres spüre ich: Nicht morgen, jetzt beginnt meine Arbeit!

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