Persönlichkeiten

Die Erkenntnis und das Heilige – Seyyed Hossein Nasr

Vor einigen Monaten (am 21.11.2007) habe ich an dieser Stelle von Suhrawardi erzählt, dem persischen „Meister der Erleuchtung” aus dem 12. Jahrhundert. Als Philosoph, der das „gegenwärtige Wissen” der geläuterten Seele besaß und aus diesem neuen Bewusstsein heraus lehrte und schrieb, war er ein großer Wegbereiter und blieb bis in unsere Tage unvergessen.

Heute, im Zeitalter der Rationalität, muss man nach inspirierten Philosophen, die aus einer ganzheitlichen Sicht und echter Erfahrung heraus lehren und schreiben, lange suchen. Um so größer ist die Freude, wenn diese Suche erfolgreich ist! Deshalb möchte ich in dieser Kolumne Seyyed Hossein Nasr vorstellen, geboren 1933 in Teheran und heute bekannter Professor für Islamstudien an der George Washington Universität in den USA. Er stammt also wie Suhrawardi aus Persien, und er weist wie dieser in etlichen Büchern, Artikeln und Vorträgen auf den Zusammenhang von Philosophie, Religion und Spiritualität hin. Er hat dabei auch dasselbe Ziel: Er unterrichtet die Menschen, damit sie ihre wahre Natur wiederfinden und durch höhere Erkenntnis die Bindung an die irdische Existenz überwinden. So heißt es auf der Website seiner Stiftung, der Seyyed Hossein Nasr Foundation.

In seinem Buch „Die Erkenntnis und das Heilige” (eines der wenigen, die ins Deutsche übersetzt wurden), geht er auf den wesentlichen Unterschied zwischen Verstand (ratio) und Vernunft (intellectus) ein. Ich glaube, dies zu ergründen, gehört zu den wichtigsten Lektionen für den Menschen von heute! Nasr legt dar, dass rkenntnis als ursprüngliches Vermögen des Menschen im Lauf der Zeiten entheiligt wurde. Er erweckt die antike Philosophie zu neuem Leben, wenn er sagt: „Der Intellekt, das Instrument der Erkenntnis im Menschen, ist mit der Fähigkeit zur Erkenntnis des Absoluten ausgestattet. Er ist wie ein Strahl, der vom Absoluten ausgeht und zu ihm zurückkehrt, und sein wunderbares funktionieren ist selbst der beste Beweis für diese Wirklichkeit, die absolut und unendlich zugleich ist.” Mit diesem Instrument ist aber nicht der Verstand gemeint, denn „der Intellekt ist ein Strahl, der die Dicke und Verdichtung der kosmischen Manifestation durchdringt und der in seinem ktualisierten Zustand nichts anderes als das göttliche Licht selbst ist”.

Wie weit hat sich die moderne Menschheit von dieser heiligen Erkenntnis entfernt! Nasr schreibt: „Die Reduzierung des Intellekts auf den Verstand und die Verkürzung der Intelligenz auf Gewitztheit und Gerissenheit hat in der modernen Welt nicht nur dazu geführt, dass heilige Erkenntnis unerreichbar und für manche sogar sinnleer wurde, sondern hat auch jene natürliche Theologie zerstört”, die noch ein Spiegel heiliger Weisheit war. Deshalb muss der Mensch nach der scientia sacra, nach heiliger Wissenschaft streben, um den Verstand wieder mit der Vernunft zu verbinden.

Dazu ist mehr nötig als Studium und Gelehrsamkeit. Seyyed Hossein Nasr ist zwar – genau wie Suhrawardi im 12. Jahrhundert – ein überaus gelehrter Mann, aber er hat dabei nicht aus den Augen verloren, dass der wahre menschliche Wesensgrund nicht in der Lehre, sondern in der unmittelbaren Erfahrung des göttlichen Seins liegt.

Nasr sagt vom Menschen:

„Weil aber die einsmachende Erkenntnis in seiner Wesensmitte ihren Sitz hat und die Wurzel seines Intellekts ist, ist die Erkenntnis nach wie vor das Zugangsmittel zum Heiligen, und geheiligte Erkenntnis bleibt der höchste Pfad zur Vereinigung mit jener Wirklichkeit, in der Erkenntnis, Sein und Freude vereinigt sind.”

Dasselbe könnte ein Gnostiker, ein Hermetiker oder ein Rosenkreuzer sagen. Wer den Pfad in seiner Wesensmitte beginnt und ihr den Verstand und das Ich unterordnet, dringt zur Erfahrung des Lichtes durch, die heilige Erkenntnis, Erkenntnis des Heiligen, schenkt.

2 Kommentare
  • Rudolf SteinmetzBeantworten

    Gewissermassen als philosophischer Diskurs zur Alchemie plädiert Hossein Nasr für eine Philosophia Perennis, die sich auch religionsübergreifend auf die adamitische Uroffenbarung bezieht; siehe dazu: Philosophia Perennis, Naved Kahteran im Gespräch mit
    Seyyed Hossein Nasr, ins Deutsche übertragen und kommentiert von rudolf_steinmetz@web.de, PDF auf Amforderung.

  • Mark David VinzensBeantworten

    Ein sehr schöner Beitrag. Seine Kritik der modernen Philosophie (die prometheische Rebellion) halte ich für vollkommen richtig und notwendig.

    „The traditional doctrine of man and not the measurement of skulls and footprints is the key for the understanding of that anthropos who, despite the rebellion of Promethean man against Heaven from the period of Renaissance and its aftermath, is still the inner man of every man, the reality which no human being can deny wherever and whenever he lives, the imprint of a theomorphic nature which no historical change and transformation can erase completely from the face of that creature called man.“
    ― Seyyed Hossein Nasr, Knowledge and the Sacred

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