Religion Spiritualität

Die Ahnung einer Größe

Seit meiner Jugend begleitet mich eine Textzeile aus einem Lied, dass ich Anfang der 70er Jahre gehört habe.
Ich besaß damals eine Schallplatte mit der deutschsprachigen Version des Musical Hair.
Dieses Musical war der Ausdruck einer Aufbruchstimmung und Sinnsuche im beginnenden Wassermannzeitalter, mit Textzeilen wie:

–  Wo geh ich hin?

– Wer sagt mir, warum ich lebe und vergehe?

–  Mystik wird uns Einsicht schenken und der Mensch lernt wieder denken,
dank dem Wassermann.

Der Vers, der mir besonders nachhaltig im Gedächtnis geblieben ist lautet:

Dennoch, es bleibt die Ahnung einer Größe,
Das Schweigen in mir sagt so oft,
Einmal streift ihr Flügel jeden,
Schweigen kann deutlich reden
Und wer hören will erfährt von ihm: alles, alles.

Von der Ahnung einer Größe und von Schweigen ist die Rede, und im Schweigen erst kann die Ahnung der Größe entstehen.
Je tiefer das Schweigen in uns ist, desto mehr Größe wird erfahrbar.
Doch viel zu oft sind wir mit dem Kleinen beschäftigt.
Unsere alltäglichen Sorgen und Nöte, die Konflikte mit den Mitmenschen, Geld und Konsum, Werbung und Webseiten, all das birgt die Tendenz uns klein zu fühlen und klein zu halten.
Erst wenn wir, oft im Scheitern unserer Wünsche, Vorstellungen und Erwartungen loslassen und zur Stille kommen, können uns die Flügel einer Ahnung von Größe streifen.
Es gibt eine unermessliche Größe und Weite, zu der der Mensch berufen ist.

„Der Mensch ist ein Gott in Windeln, Zeit ist eine Windel, Raum ist eine Windel”

schrieb Mikhail Naimy im „Buch Mirdat”.

Es ist das Rätsel der Sphinx: der Mensch ist ein Gott im Körper eines Tieres.
Sein Geist kann das All umfassen, seine Liebe kann das All erfüllen und sein Wille kann das All verwandeln.

Das kann aber erst geschehen, wenn wir durch das Tor des Schweigens gegangen sind und eins geworden sind mit dem Geist des Alls, mit der Liebe des Alls und mit dem Allwillen.
Dann erfahren wir unsere wahre Größe, zu der wir als Mensch gerufen sind:
Im Nicht-Sein wartet das All-Sein.

Foto: Frank Saß
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