Gnosis

Der Tiger

Ich stieß auf einen kurzen spanischen Text, der auf schöne Weise deutlich macht, wie in unserer Welt alles, was über sie hinaus ragt, heruntergezogen und – wenn möglich – vernichtet wird. In allen Kulturkreisen gibt es Menschen, die auf einem geistigen Weg fortgeschritten sind. Das dienende Werk, das ihnen aufgegeben ist, können sie nur verrichten, wenn sie bescheiden, ja fast unscheinbar auftreten.

Ich habe den Text, der von Manuel Vincent aus Madrid stammt, sinngemäß ins Deutsche übersetzt:

Während eines Gewitters, das plötzlich über der Savanne ausbrach, wurde ein Tiger von einem Blitz getroffen. Es war ein großes Aufleuchten des Lichtes. Aber anstatt den Tiger zu töten oder zu verletzen, zog der Stromschlag auf seinem Fell lediglich einen neuen Streifen. Er hatte die Farbe des Feuers und man sah ihn aus weiter Ferne leuchten. Dass er anders geworden war, brachte dem Tiger die Bewunderung der Raubtiere seiner Gattung ein, ja sogar die Löwen verehrten ihn. Bis er eines Tages von Wilderern entdeckt wurde, die sogleich einen unbändigen Jagddrang nach ihm empfanden, sobald sie seine Einzigartigkeit erkannt hatten. Er hatte sich in eine exklusive Jagdtrophäe, in ein hochgeschätztes Beutestück verwandelt.

Die Habgier spaltete die Wilderer in zwei Lager: die einen spekulierten damit, den Tiger einem bekannten Zoo zu übergeben, um aus ihm einen modernen Star zu machen. Die anderen wollten ihm das Fell abziehen, sein Fleisch den Geiern vorwerfen und das Fell dem berühmtesten Gerber verkaufen. Es sollte den Körper einer faszinierenden Primadonna zieren und im Metropolitan Opera House von New York in Erscheinung treten.

Der Tiger erfuhr bald von der Leidenschaft, die er unter seinen bewaffneten Bewunderern entfacht hatte, deren Zahl von Tag zu Tag wuchs. Bald hörte er in der Nähe die erste Kugel pfeifen. Das war die Botschaft eines Jägers an ihn, die ihm zeigen sollte, wie sehr er ihn liebte. Dem Schuss folgten noch viele. Bevor die Mündungen der Gewehre einen unüberwindbaren Liebeszirkel um ihn bilden konnten, gelang es dem Tiger, Zuflucht in einem kleinen Waldgebiet der Savanne zu finden. Dorthin kamen aber bald andere Jäger mit Pusterohren und Betäubungsspritzen. Er konnte nicht einmal auf den Schutz der Nacht warten. Denn der Feuerstreifen auf seinem Fell leuchtete in der Dunkelheit. Obwohl alle Wildtiere ihn liebten, flüchteten sie doch vor ihm, als sie im Licht des Feuerscheins für die Wilderer erkennbar waren. Je stärker die Leidenschaft wurde, die der Feuerstreifen entfachte, desto größer wurde die Einsamkeit um den Tiger. Der Blitz hatte ihn für die Glorie auserwählt und zugleich verurteilt. Der Tiger wusste nun, dass er verloren war. Sein Instinkt ließ ihn erkennen, dass Schönheit nur dann sicher ist und unberührt bleibt, wenn sie unerreichbar ist oder wenn sie sich hinter den Gewändern dieser Welt verbergen kann.

Detail aus Gemälde von Franz Marc
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