#1153#
27. Oktober 2010 von Sandra Antesevic

Der steinerne Schläfer

Es ist höchste Zeit, die eigene Abwesenheit wahrhaftig zu begreifen und in die Abgründe der Ungewissheit in sich selbst einzutreten.

(Mak Dizdar, Erwachen)

Auf der Wiese außerhalb der Stadt unter der heißen Sommersonne
liegen im hohen Gras verstreut Steindenkmäler – die Stecci. Auf den ersten Blick gibt es nichts Besonderes oder Attraktives in dieser Szene, und es ist auch kein Grund ersichtlich, warum man hier stehen bleiben sollte.

Und doch: Diese steinernen Schläfer auf den abgelegenen Wiesen und Hügeln des Balkan beherbergen eine Geschichte, und diese Geschichte birgt einen Teil des Geheimnisses vom Menschen. Von dir und mir. Das große Geheimnis, in Tausende von Stücken zerbrochen, ist verstreut in Zeit und Raum. Und jedes der Stücke enthält wie ein Hologramm in sich das Ganze. Wenn für dich die Stunde des Erwachens geschlagen hat, wenn du wirklich das Geheimnis entdecken willst, kann dir vielleicht einer der steinernen Schläfer helfen.

Der Steinerne Schläfer, das ist der Name einer Sammlung von Gedichten des bosnischen Schriftstellers Mak Dizdar (1917 – 1971). Er wurde inspiriert von den mittelalterlichen bosnischen Bogumilen, bzw. den Ornamenten auf ihren Grabsteinen – den Stecaks. Von Kindheit an haben ihn diese Grabsteine angesprochen, viel Zeit hat er damit verbracht, sie zu beobachten und zu versuchten, ihnen ihre Botschaft zu entlocken. So sind diese Verse entstanden.

In der Begegnung mit den Stecaks liegt etwas Ähnliches wie in der Begegnung mit der Sphinx. Sie konfrontieren uns mit uns selbst, mit dem schmerzhaften Kontrast von Vergänglichkeit und Unvergänglichkeit, der uns eigen ist.

Unabhängig von Zeit und Raum, Kultur und Nation, lebt jeder Mensch mit Veränderungen und Vergänglichkeit, in ihm und um ihn herum, und gleichzeitig wird er beunruhigt durch eine ferne Erinnerung an die Unvergänglichkeit. Es scheint einen festen Punkt in jedem von uns zu geben, einen Punkt der Ewigkeit, ein Zentrum, um das sich das sich unser vergängliches Leben dreht.

Während wir unser Leben auf der Oberfläche der Wirklichkeit verbringen, wartet der fundamentale innere Konflikt auf seine Auflösung. In einem Moment der Offenheit – vor den steinernen Zeugen – kann es passieren, dass wir plötzlich still werden und unser Leben seinen Sinn zur gleichen Zeit verliert und neu erhält.

Wir suchen die Zeit, aber sie scheint von uns nichts zu wissen,
die Zeit, die sich selbst nicht merkt im Krater des Abgrunds,
im Gewirr der Stimmen. Stille regiert die Welt.
Mit der Blume der Stille wollen wir uns an Dich wenden
und in der Vorahnung auf die urzeitliche Stille wollen wir verstummen.

So werden sich keine Stimmen in der Stille der Urzeit mehr hören.
Nur die Glocke der Stille soll in mir aufstehen,
rein von einem alten Feuer und schwer von neuem Sinn.

(Mak Dizdar, Konfrontation).

Wer bin ich, woher komme ich und wohin gehe ich? Die Erkenntnis, dass das, was wirklich ist, kein vergänglicher Körper ist, sondern nur, in ihm eingeschlossen, darauf wartet, befreit zu werden, ist das erste Wort des Anfangs, der erste Schritt auf dem Weg zu einem wirklichen Menschen.

Eingeschlossen in Fleisch und Blut, eingeschlossen in der Haut
träumst du, dass der Himmel zurückkehrt und sich vervielfältigt.
Eingeschlossen im Gehirn, gefangen im Herzen,
in dieser dunklen Höhle, erträumst du die Sonne,
gefangen im Fleisch, zerquetscht in diesen Knochen.
Dieser Raum neben dem Himmel,
wie kann ich ihn überbrücken?

(Mak Dizdar, Das erste Wort über den Menschen)

Ist das möglich?
Ist es das, was uns die steinernen Schläfer mit ihrem stummen Schrei durch die Jahrhunderte hin übertragen? Ist das die Botschaft ihrer Erbauer?

Es ist möglich, den großen Konflikt, den Konflikt von Zeit und Ewigkeit aufzulösen. Und wir müssen es tun. Wir müssen diesen Abgrund, den blauen Strom, überqueren, koste es, was es wolle. Denn dafür sind wir geschaffen. Erst dann werden wir wirklich leben.


Es fließt ein großer blauer Strom,
breit und lang und tief und mächtig.
Seine Breite ist hundert Jahre,
seine Länge tausend Jahre.
Seine Tiefe ist unergründlich,
Seine Nacht unüberwindlich.
Es ist ein großer blauer Strom.
Ein großer blauer Strom,-
wir müssen ihn bezwingen.

(Mak Dizdar, Blauer Strom)

Und wenn wir uns auf der anderen Seite, im unbeweglichen Reich des Lichts begegnen und uns zu dem mächtigen Strom der Liebe gesellen, den all diejenigen bilden, die zurückgekommen sind, werden wir auch den anderen, die ihren Weg aus dem Nest zu den Sternen noch gehen, auf ihrem Weg leuchten können.

Die Erde ist mit der Saat des Todes besät,
aber der Tod ist nicht das Ende,
weil es den Tod gar nicht gibt
und auch kein Ende.
Mit dem Tod ist nur
der Pfad des Aufgangs beleuchtet
vom Nest zu den Sternen.

(Mak Dizdar, Tod)

Foto: Hermann Achenbach

1 Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Alle Felder sind erforderlich.