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7. April 2010 von Silke Karwowski

Der Philosoph

„Ist der Ruf schon ruiniert, dann lebt´s sich gut und ungeniert.“ zitierte eine Freundin Wilhelm Busch, nachdem ich die Geschichte vom „Philosophen“ erzählt habe.

Heute Mittag setzte ich mich auf der Dachterrasse zum Mittagessen an einen Tisch. Der „Philosoph“, so bezeichne ich für mich einen älteren Mitarbeiter, rief vom Nachbartisch herüber, ich möchte mich doch zu ihm und den Kolleginnen setzen. Ich freute mich darüber und wechselte den Tisch. Der „Philosoph“ und ich können so richtig ehrlich über das Leben sprechen und auch Grenz-Themen berühren. Wir können über das tatsächliche Leben reden, da wo ein Gespräch doch erst lebendig wird. Vielleicht haben wir den Mut, wir selbst zu sein, authentisch zu sein, uns selber gegenüber ehrlich zu sein, aber auch anderen gegenüber. Einst vertraute mir der „Philosoph“ an, er könne nur mit mir über ganz bestimmte Dinge sprechen, die anderen Kollegen würden ihn gar nicht verstehen. Vielleicht spürte er, dass ich ihn so annehme, wie er ist.

Ich scheute mich heute am Tisch nicht mehr, aufrichtig zu sein und mich auch so zu äußern. Ich hatte keine Angst mehr, von den Kolleginnen, eventuell gemeinsam mit dem „Philosophen“, als „Spinner“ oder „Traumtänzer“ abgestempelt zu werden.

Es ist wie eine Befreiung, endlich ich selbst sein zu dürfen und die anderen Menschen anzunehmen so wie sie sind, sie sogar zu lieben, jeden nach seiner Art. Es ist ein Geschenk, einfach mutig zu sein, mutig und einfach, ja, sogar naiv.

Die wertvollste Erfahrung für mich ist die, dass ich gelernt habe, Menschen, wie zum Beispiel den „Philosophen“ ernst zu nehmen, sie zu akzeptieren. Es ist wie ein „All-Verstehen“, wie wenn ich alle Menschen ihrem Inneren nach verstehe.

Abb.: Quelle Wikipedia

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