Poesie Lyrik

Der Mystiker Rumi und das kostbare Juwel

Es wird Abend. Vom Balkon unserer Ferienwohnung aus sehe ich den lang gezogenen, mächtigen Bergrücken gegenüber immer dunkler werden. Sein Grün wird schwächer und schwächer, als die Sonne hinter ihm verschwindet. Je dunkler er wird, um so gewaltiger wirkt er, fast ein wenig bedrohlich.

Jetzt ist er schwarz; und hinter ihm leuchtet in starkem Kontrast türkisfarben der Himmel, durch die Sonne erleuchtet von einem Horizont aus, den wir nicht sehen können. Nun ist es fast ganz dunkel. Und da ist es wieder, das einsame, einzige Licht, das winzig klein aus der Schwärze des Berges heraus leuchtet. Nur dieses eine kleine Gehöft, vielleicht nur ein einziger Mensch lebt da drüben in der Einsamkeit, sonst ist alles schwarz.

Dann wende ich mich wieder meiner Lektüre zu, dem islamischen Mystiker Dschalal ad-Din Rumi, der im 13. Jahrhundert in seinem herrlichen Mathnawi schrieb:

Im Herzblut ruht ein Edelstein, der Meer und Himmel nicht gegeben wurde. Wie lange noch äußere Form? Ist nach alledem, o Diener der Form, deine Seele der Form nicht entflohen? Das Bild an der Wand gleicht einem Menschen. Betrachte die Form und sieh, was ihm fehlt. Der Geist fehlt dieser prächtigen Form. Geh, suche dieses kostbare Juwel!

Mir kommt wieder der Gedanke, dass der Mensch, so wie er heute ist und lebt, nicht vollkommen ist. Ob er nun versteht, warum er als „Bild Gottes” geschaffen wurde, wie es im 1. Buch Mose heißt, oder nicht, finde ich nicht entscheidend. Dass ihm in seinem jetzigen Zustand aber noch etwas Wesentliches fehlt, das kann er erfahren, empfinden. Was ist es denn in ihm, das sich nicht abfinden will mit der Sterblichkeit? Was treibt ihn dazu, nach dem Sinn des Lebens zu fragen?

Und dann lese ich bei Rumi in seinem berühmten Lied von der Rohrflöte:

Hör auf die Flöte – wie sie erzählt, wie sie klagt über Trennung und spricht: „Seit man mich vom Röhricht schnitt, weinen Mann und Frau bei meiner Klage. Ich suche ein Herz, von Einsamkeit gequält: dem will ich vom Schmerz der Sehnsucht erzählen.” Wer weit entfernt von seinem Ursprung ist, der sehnt sich zurück nach der Zeit der Einheit.

So weist Rumi in poetisch leuchtenden Worten auf das Licht der göttlichen Welt hin, das in der Finsternis strahlt, um den Menschen zu seiner wahren Bestimmung zu führen: Lichtmensch zu sein. Und mit einem letzten Blick auf das kleine, schimmernde Licht am Berghang gegenüber denke ich: Welch unermesslicher Schatz ist dieses uralte Wissen für den Menschen, der sich aufmacht, der Stimme der Sehnsucht zu folgen und das kostbare Juwel, das in seinem Herzen verborgen ist, zu suchen.

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