Selbsterfahrung

Der Mensch sieht sich im Spiegel, zugleich ist er der Spiegel

Als ich noch ein Kind war, sagte meine Mutter einmal: „Die Zweisamkeit ist das Schwerste im Leben.” Und damals verstand ich noch gar nichts davon. In einem Miteinanderleben spiegeln wir den Mitmenschen wider und werden auch im Mitmenschen widergespiegelt.

Wenn ein Mann und eine Frau, die miteinander befreundet sind, nicht zusammen leben, sind die Spiegel nicht so andauernd widerspiegelnd. Wenn es Verletzungen gibt, kann das „zertretene Blümchen” sich schnell wieder aufrichten und Liebe ausstrahlen und sein. In einer Ehe bzw. in einem Zusammenleben von Mann und Frau können die Spiegel so intensiv sein, dass sich unter Umständen ein schützender Panzer, ein dickes Fell über den zarten, empfindlichen Kern legt. Der Mensch wird unsensibel, aber die Liebe auch. Es tritt eine Abstumpfung, eine Gewohnheit an die Stelle der Spontaneität und Offenheit.

Was sind Verletzungen? Es sind Urteile, Verurteilungen, die wir dem anderen gegenüber taktlos äußern …, aber auch Korrekturen. Mann und Frau sollten sich gegenseitig einen Freiraum lassen, sich selbst Freiraum schaffen, sich Selbst sein, aber auch den anderen sich Selbst sein lassen. Mit einer gewissen Ehrfurcht dem anderen entgegen zu treten, mit Ehrfurcht in den Spiegel zu schauen, zu staunen und sich selber zu erkennen, ist das eigentliche große Ziel.

Und jeden Tag müssen wir uns wiederum überwinden, den Anderen wie auch uns selber anzunehmen mit all unseren Unvollkommenheiten, mit unseren Unbewusstheiten oder „Dummheiten”. Jeden Tag müssen wir erneut um diese Liebe ringen. Immer wieder müssen wir uns aus der Bequemlichkeit heraus aufraffen, empor streben zu einer Lebendigkeit, an die keine Langeweile und kein Desinteresse mehr heranreichen. Wenn wir auch nur kurz wieder nachlassen in diesem Eifern, ist es immer wieder mühsam, zu der spontanen Freude durch zu dringen. Darum müssen wir immer bewusster werden. Wir dürfen diesen Ariadne-Faden, wenn wir ihn einmal gefunden haben, nicht mehr loslassen. Schauen wir direkt in den Spiegel! Und wenn sich beide „Spiegel” bemühen, kann etwas Großartiges wachsen: aus der einen Zweisamkeit entstehen zwei „Einheiten”, zwei in sich ruhende, Liebe ausstrahlende Universa, nicht nur doppelt so stark, sondern um ein Vielfaches gestärkt.

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