Philosophie

Der Glaube in Brutto und Netto

In der ZEIT Nr. 52 / 2007 kann man lesen: „Wenn man vom Glauben des Menschen alles abzieht, was nicht wirklich dazu gehört, dann erhält man das Glaubensnetto, also das, was als unverfälschter Glaube bezeichnet werden kann.”

Was wird hier abgewogen? Die Unterscheidung in Brutto und Netto dient dem Autor dazu, unter Anderem zu zeigen, dass der scheinbare Rückgang der Gläubigkeit in Wirklichkeit eher auf das Wenigerwerden der Tara zurückzuführen ist. Das heißt, dass das Abnehmen des äußeren Drucks, einer Kirche anzugehören, ob er nun von der Gesellschaft oder von den Kirchen selbst ausgeht, bei gleichzeitiger Zunahme des eigenständigen Denkens und dem Auftreten von Alternativen zum Kirchenchristentum nur zu einem äußerlichen Rückgang der Gläubigkeit führt.

Der Mensch ist selbstständiger geworden.

Das Wenigerwerden der „Verpackung”, sei es nun die Gebundenheit an Dogmen, oder der Druck, sich anzupassen, wird wohl von den Wenigsten bedauert werden. In diesem Sinne ist das Abfallen der einengenden Verpackung ein Schritt zur Wahrheit und zur Freiheit.

Doch was ist das Netto, was ist der Kern des Glaubens? Kann es über ihn Sicherheit geben?

Die Freiheit von Zwängen und Denkmustern stellt den Menschen auf einen Weg. Wenn er diese Freiheit ernst nimmt, wird er sich nicht im Selbstbedienungsladen einfach einen Privatglauben zusammenstellen, denn dies wäre der Austausch einer alten durch eine neue Verpackung.

Diese Freiheit bedingt ein ständiges Suchen und Prüfen. Denn immer wieder begegnen uns Dinge, die an den noch unbekannten Kern des Glaubens rühren, die ihn lebendig und bewusst werden lassen. Doch nach einiger Zeit kann aus jedem lebendigen Anstoß, aus jedem einstmals beglückenden Fundstück Ballast werden, eine Barrikade, hinter der man sich verschanzt, um nicht weiter suchen zu müssen; und auch ein ehemals lebendiger Impuls kann zu dem Hindernis werden, das sich der nächsten, tieferen Wahrheit auf dem Weg zum Kern entgegenstellt. Denn jede Form, die sich verfestigt, kann im Wege stehen.

Darum braucht man nicht nur ein offenes Herz, sondern auch eine wache, unterscheidende Vernunft. Der Weg zum Kern des Glaubens ist zugleich der Weg zum inneren Menschen, und er glückt nur demjenigen, der bereit ist, die äußeren Schichten – die Tara – zu erkennen und hinter sich zu lassen. Und dazu gehört viel von uns selbst.

Und die Sicherheit über den Kern des Glaubens hat derjenige, der mit ihm eins geworden ist. Alle anderen müssen weiter suchen und prüfen…

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