Gnosis

Der Fluss

Ist unser Leben nicht wie ein Fluss, in unaufhörlicher Bewegung, immer auf der Suche nach Etwas? Der Körper verändert sich, und ebenso die Gedanken und Gefühle. In dem einen Augenblick sind wir dies, und im nächsten Augenblick etwas anderes. Die Veränderung geschieht täglich, sie ist fortwährend, allgegenwärtig, und sie kennt keinen Aufschub. Ist denn die Vorstellung, dass es etwas objektiv Seiendes gibt, das ewig bestehen bleibt, eine Illusion?

Wenn wir den Verlauf eines Flusses betrachten, fällt uns auf, dass er nicht in einem geraden Weg zum Meer verläuft, sondern sich in vielen Biegungen windet. Zu Beginn, von der reinen Quelle gespeist, ist er noch ein kleines Flüsschen. Es nimmt bei seinem zögerlichen Lauf da und dort Kiesel, Sand, Erde mit sich, die es seitlich ablagert. Andere kleine Flüsse münden ein, auch sie Sand, Erde, Kiesel enthaltend. So werden nach und nach die Ablagerungen immer größer, beengen den Lauf. Es müssen immer wieder Umwege gesucht, neue Flussbetten geschaffen werden, um mit stets wachsender Kraft das von Anfang an gesuchte Ziel, das Einmünden in das Meer und das Einswerden mit ihm, zu erreichen.

Ist dies nicht wie ein Symbol unseres eigenen Seins im Laufe der Inkarnationen? Und auch des Weges in Gemeinschaften, in denen wir einem geistigen Weg folgen? Die kleinen Flüsse entsprechen den aus den verschiedensten Richtungen kommenden Weggefährten, die neuen Flussbetten der Notwendigkeit, die universelle Lehre der Befreiung immer wieder dem veränderten Verständnis anzupassen und das zurückzulassen, was sich als stagnierender Ballast angehäuft hat. Es weitet sich das Blickfeld, verinnerlicht sich, lässt uns immer mehr ein Tropfen des großen, göttlichen Weltenmeeres sein.

In manchen Religionen gehört es zum Ritual, in einen Fluss zu steigen. Das ist nicht nur für die äußere Reinigung gedacht. Es gibt gewisse „heilige” Flüsse, wie zum Beispiel den Ganges. Sie sind durch die bewusste spirituelle Hinwendung der darin Badenden an das urewig Göttliche, das sich von Anbeginn an der Menschheit mitteilt, zu einem Kraftfeld geworden. Wer immer sich ihm öffnet, kann diese spirituelle Kraft erfahren. Und so ist es nicht nur eine Legende, sondern eine geistige Realität, wenn im Neuen Testament berichtet wird, wie auch Jesus sich im Jordan von Johannes dem Täufer taufen lässt (Matth. 3,16). Es heißt dort: „Und da Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser; und siehe, da tat sich der Himmel auf über ihm. Und er sah den Geist Gottes gleich als eine Taube herabfahren und über ihn kommen. Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: „Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe.” Jeder Mensch kann durch Eintauchen in ein spirituelles Feld, einen spirituellen Strom, die Gotteskindschaft erringen.

Wenn wir das bewusst erleben, lernen wir zugleich, uns dem ewigen Wandel der Dinge vertrauensvoll hinzugeben. Sind wir in diesem Vertrauen bereit für den kommenden Tag, einen Tag erneuter, schrittweiser Veränderung? Gleich dem Fluss, der unbeirrt von allen Hindernissen voll des Verlangens dem unendlichen Meer zuströmt, gelingt es auch uns, wieder zu IHM, unserem ursprünglichen Zuhause, zurückzukehren. Wie tröstlich ist das!

Foto: Hermann Achenbach
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