Alchemie

Der Augen-Blick an der Kasse

Eines Abends ging ich in einen Bio-Supermarkt einkaufen. An der Kasse wurde ich von einer interessanten Szene, die sich dort abspielte, überrascht. Ein Mann, direkt an der Kasse, sagte das Vaterunser deutlich vernehmbar auf. Das Geschehen weckte in uns umstehenden Menschen verschiedene Regungen: Peinlichkeit, Betroffenheit, Unsicherheit, Furcht, Neugier, vielleicht Entrüstung … Die Menschen schauten weg oder reagierten sprachlos, sind es doch magische Worte.

Meine ersten Gedanken – ein Missionar? Ein Verrückter? Ein unter Alkohol Stehender? Ein Aus-der-Reihe-Tanzender? Ein Narr? … Ein Mutiger?? Geht dieser Mensch unbewusst mit wertvollen religiösen Texten um, oder denkt er sich etwas dabei, und was?

Ist es ein Mensch, der die alte sichere Festung der traditionellen christlichen Religion ins Wanken bringen möchte? Hat er die Absicht, Festgefahrenes zu erschüttern oder Dogmatisches zu zerbrechen?

Vor mir stand noch eine Dame in der Schlange an der Kasse. Ich betrachtete diesen Mann im Profil. Er bezahlte, und bevor er den Supermarkt verließ, wandte er sich um, und unsere Blicke begegneten sich. Ich nahm ganz offene, freundliche, lächelnde Augen wahr. Eine Reinheit strahlte mir entgegen. Er verließ den Bio-Supermarkt. Als ich bezahlte, kam der Herr noch einmal herein und fragte die Kassiererin nach einer Tüte. Ich verabschiedete mich an der Kasse und winkte einer Bekannten, die hinten in der Schlange wartete, zu. Da sagte der Fremde auch zu mir „Auf Wiedersehen”.

Dieses Erlebnis berührte mich. Es zeigte mir, dass wir tief belohnt werden, wenn wir unser „Schubladen-Denken” aufgeben, wenn wir unsere Unsicherheit und leise Furcht, aber auch Vorurteile, preisgeben, wenn wir unsere Mitmenschen so annehmen, wie sie sind. Letztendlich ist auch ein Motiv, aus welchem heraus ein Mensch handelt, nebensächlich. Die Hauptsache ist: wir nehmen den Menschen so, wie er ist. Er wird seine Beweggründe haben für das, was er tut. Wir tun unter Umständen auch Dinge, die andere Menschen nicht verstehen können. Wer blickt schon in das Innere eines Menschen?

Einem kleinen Kind gelingt es vielleicht. Es blickt offen in unsere Augen und in uns hinein. In diesem Blick spüren wir tiefes Annehmen aber auch tiefe Liebe. Wir können sehr vieles von den Kindern lernen, aber auch von Narren oder sonderbaren Menschen.

Kinder leben im Jetzt.
Sie haben ein ursprüngliches Vertrauen.
Kinder nehmen jeden Menschen so, wie er ist
und sind nicht nachtragend.
Kinder sind unschuldig.
Kinder sind LIEBE.

War der Mann an der Kasse im Bio-Supermarkt nicht auch naiv, wie ein Kind? Offen und direkt? Bei Kindern lächeln wir. Bei Erwachsenen, die „nicht normal sind”, denken wir gleich, sie sind ver-rückt. Befindet sich nicht ein Kind noch näher am Ursprung, näher an seiner Geburt und den vorgeburtlichen Erfahrungen des Einsammelns der Lebensernte? Gibt es nicht auch Erwachsene, die dieses innere Wissen, das intuitive Erkennen der Zusammenhänge, eben dessen, „was die Welt im Innersten zusammenhält”, wieder in sich freimachen können?

Die meisten Menschen werden in ein Schema gepresst, in Schubladen, in einen Schrank, in Schranken. Sie sind eigentlich be-schränkt, ein-ge-schränkt. Der „normale” Mensch entspricht der Norm, ein Narr ist dem Kindlichen, aber auch dem Anderen, dem Gotteskind in sich, näher. Ein Kind, ein Narr denkt nicht darüber nach, was andere Menschen von ihm denken, und daher handelt er frei, zwängt sich nicht in die Begrenzung, in die Zwänge. Er ist er selber und nicht ein anderer Mensch, der er zu sein erhofft oder glaubt.

«Du hast deine Kindheit vergessen,
aus den Tiefen deiner Seele wirbt sie um dich.
Sie wird dich so lange leiden machen, bis du sie erhörst.»

Das sind Hermann Hesses Worte in „Narziss und Goldmund”.

Die gleiche Kernaussage steckt auch in dem Bibelzitat aus Matthäus 18,4:

„Werdet ihr nicht wie die Kindlein, so werdet ihr das Königreich Gottes nicht ererben”.

Das göttliche Kind in uns ruft schon lange, lange nach Wiedererkennung und Erlösung. Wir Menschen können den Weg zu diesem inneren Kind, dem ursprünglichen Kern der Seele, in uns freimachen. Es ist sogar die eigentliche Bestimmung des Menschen, seine wichtigste Aufgabe, die er zu vollbringen hat!

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