Selbsterfahrung

Denken im Sommer

Es ist Sommer! Wie lange haben wir ihn herbei gesehnt mit all dem, was er uns schenkt!

Da ist die Fülle der Blumen mit ihren vielerlei Düften, die Amsel singt ihr Abendlied und begrüßt den dämmernden Morgen. Ein Morgen mit blauem Himmel, an dem weiße Wolken ihre Wege wandern. So luftig und leicht kann jetzt die Kleidung sein und unsere nackten Füße, mit denen wir über das Gras gehen, sagen uns: Es ist Sommer.

Wenn nicht diese Hitze wäre! Sie macht uns träge und schaltet das Denken aus. Wir aber wollen denken, denkend die Welt und uns selbst wahrnehmen. Dazu sind wir doch da! Wie sagte einst der Philosoph René Descartes nach Zeiten seines Zweifelns an der eigenen Erkenntnisfähigkeit? „Cogito, ergo sum” (Ich denke, also bin ich). Und er begründete die Richtigkeit dieses Prinzips: „Indem wir alles nur irgend Zweifelhafte zurückweisen und für falsch gelten lassen, können wir leicht annehmen, dass es keinen Gott, keinen Himmel, keinen Körper gibt, dass wir selbst weder Hände noch Füße, überhaupt keinen Körper haben – aber wir können nicht annehmen, dass wir, die wir solches denken, nichts sind; denn es ist ein Widerspruch, dass das, was denkt, nicht bestehe. Deshalb ist die Erkenntnis: „Cogito, ergo sum” von allen die erste und gewisseste”.

Ich bin … Doch die Hitze macht mein Denken träge. Müssen wir denn unbedingt denken? Denken ist allzu schnell mit Kritik verbunden, mit versteckter Überheblichkeit, führt leicht zu der in unserer Zeit oft schmerzhaft empfundenen Isolierung von einander. Warum können wir uns nicht einfach unseren Gefühlen hingeben? Einem Fühlen, das all die uns geschenkten Sommerherrlichkeiten voll Freude wahrnimmt, einem Fühlen, das uns auch nach Innen lauschen lässt. Einem Innehalten, damit die Entwicklung, auf die wir keinen wesentlichen Einfluss haben, sich so vollziehen kann, wie es sein sollte. Im Innehalten lässt sich erkennen, wohin die weitere Reise unseres Lebens gehen könnte. Innehalten kann ein äußerst dynamischer Prozess sein. Er lässt die rechte Richtung erkennen.

So geschieht es, dass ich etwas mit meinem Gefühl erkenne. Ich erspüre einen Gedanken, der mir ein Ziel meines Daseins vor Augen führt, ein anderes Menschsein. Er kommt nicht aus dem Verstand, sondern steigt aus der Tiefe auf. Ich ahne: Er birgt ein anderes Bewusstsein in sich, eine andere Seele, ein anderes „Ich bin”. Bin ich bereit, ihn an meine Stelle treten zu lassen? Er trägt Wärme in mein Herz, entfaltet sich in einem leuchtenden Feuer, das er in mir erzeugt hat. Ein anderer Sommer, eine andere Sonne. Sie lassen etwas wachsen, das alle Grenzen übersteigt. Aus einer Erde, die mein Gefühl ist. Es ist weit offen, ruhig, nüchtern, klar. Der Seelengefährte steigt empor. Er kennt keine Isolierung, kein schmerzhaftes Einsamsein. Er erweckt Hingabe: Du in mir, ich in allem.

Der große Gedanke des Sommers.

Foto: Hermann Achenbach
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