Selbsterfahrung

Demut des Blicks

Unter diesem Titel las ich vor einigen Jahren einen Text der italienischen Schriftstellerin Susanna Tamaro: …man muss die Demut haben, immer wieder zu fragen, was tue ich hier, und jedes Mal keine Antwort darauf wissen. Man muss den Mut haben, sich nicht von der Macht erfassen zu lassen, sich niemals erhaben und besser als alle anderen zu fühlen, die um uns herum sind. Man muss sich eben die Demut des Blicks bewahren.

Das war ein Anstoß für mich. Immer wieder fragte ich mich: Wie schaue ich auf die Welt? Auf meinem Acker gibt es einen Platz, auf dem ich hin und wieder gern eine Pause mache. Dort, am Waldrand, in der Stille der Natur, bekam ich meine ersten niederschmetternden Antworten: Alles was du siehst und hörst, streichst du an mit der Farbe deines Urteils! Immer wieder versuchte ich mich zu rechtfertigen und doch blieb, wenn ich in der Stille war, nichts außer meinem Urteilen. So begann ich mich zu fragen, woher denn mein Urteilen kommt.

Nach einiger Zeit geriet ich vor die „Illusion meines Lebens”. Ich musste erkennen, dass es nichts gab in meinem Welt- und Selbstbild, das irgendeinen wirklichen Bestand hat. Die vielen Bilder der Erziehungsmuster meiner Kindheit, das mich umgebende und prägende Leben der dörflichen Gemeinschaft, die gesellschaftlichen Strukturen, in die ich mich eingepasst hatte: All das hatte mich zu jemandem werden lassen, der mir innerlich fremd war.

Es entstanden Stille und Leere in mir, und die begannen, mich ganz auszufüllen.

Stille und Leere heilten mich von meinem Über-alles-urteilen-müssen. Meine Blicke wurden zu Fragen und aufkommende Urteile wurden zu einem Staunen. In mir tauchen plötzlich Erkenntnisse auf: namenlos, erklärungslos und unbeschreiblich.
Sie lassen sich nicht in Worte fassen, und sind doch wie ewige Schätze.

In der „Demut des Blicks” lag für mich ein Keim verborgen, aus dem etwas wächst, das ins Unendliche reicht.

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