Persönlichkeiten

„… dass er sich selbst lerne kennen”. Vom Menschenbild Jakob Böhmes

Die geistige Schau Jakob Böhmes kann unsere Gedanken stark vertiefen. Neben seinen Betrachtungen zur Gotteserkenntnis und seinen kosmologischen Überlegungen (s. meine Kolumnen vom Jahr 2007) hat er ein umfassendes Menschenbild der Zukunft entworfen. Clemens von Alexandria, der der Gnosis von Alexandrien zugerechnet wird, konstatierte zu Anfang der Zeitrechnung in seiner Schrift, Excerpta ex Theodoto, dass laut Theodot die Weisheit des Menschen in der Erkenntnis besteht:

* Wer sind wir?
* Was sind wir geworden?
* Woher stammen wir?
* Wohin sind wir geraten?
* Wohin eilen wir?
* Wovon sind wir erlöst?
* Was hat es mit unserer Geburt und Wiedergeburt auf sich?

Nimmt man Jakob Böhmes Buch „De tribus principiis” oder „Beschreibung der drey Principien göttlichen Wesens” von 1619 zur Hand, stellt man erstaunend fest, dass er sich fast wortgleich mit diesen Fragen auseinander setzt:

Es kann sich der Mensch von Mutterleibe an im ganzen Laufe seiner Zeit in dieser Welt nichts fürnehmen, das ihm nützlicher und nötiger sei als dieses, dass er sich selbst lerne kennen:

* Was er sei?
* Woraus oder von wem?
* Wozu er geschaffen sei?
* Was sein Amt sei?”

Klingt dem Leser nicht sogleich die Richtschnur der Pythia im Apollon-Tempel zu Delphi im Ohr:

„Mensch erkenne dich selbst, und du wirst die Götter erkennen!”

Auch Hippolyt von Rom ( 2. Jh.), dem Texte der frühen Kirche zugeschrieben werden, äußert dies mit folgenden Worten:

„Anfang der Vollendung ist die Erkenntnis des Menschen; Gotteserkenntnis ist die vollständig erreichte Vollendung.”

Böhme betrachtet den Menschen prinzipiell nicht aus der Persönlichkeitssicht, sondern es schwingt immer das Universelle und Ganzheitliche in seinen Schriften mit. Dass der Mensch überhaupt in der Lage ist, sich selbst zu erkennen, ist in der Liebe Gottes begründet. Die Erkenntnisfähigkeit des Menschen und die göttliche Liebe beziehen sich aufeinander, so Böhme. In seiner Vorrede zu: Von den drey Principien, schreibt er:

„Denn es kann sich kein Mensch entschuldigen seiner Unwissenheit, sintemal Gottes Wille ist in unser Gemüthe geschrieben, dass wir wohl wissen, was wir thun sollen… Ja es ist notwendig, dass wir uns lernen kennen, da der Teufel bey uns in dieser Welt wohnet und uns täglich verführt, von Gott abzufallen…”

Jakob Böhme geht davon aus, dass der Mensch grundsätzlich aus der Vollkommenheit stammt, aber durch den sog. Fall aus dem Göttlichen in die zweipolige Diesseits-Jenseits-Welt mitgerissen wurde. Die Hoffnung sieht er darin, dass der Mensch, der ursprünglich ein Ebenbild des Göttlichen ist (imago dei), dieser „atomar noch vorhandenen Substanz” in sich wieder Raum gibt. Durch dieses auf Gott bezogene, oder verständlicher, auf ein neues, anderes kosmisches Gebiet bezogene menschliche Bemühen werden für die gesamte Menschheit neue Fakten geschaffen. In dem Raum, in dem wir leben, kann der Christus wiedergeboren werden. Das heißt: Der kosmische Christus, oder wie es die Bibel sagt „der Christus in den Wolken” kann wieder in dieser Welt befreiend wirksam sein.

Grenzt es nicht an ein Wunder, dass Jakob Böhme in einer Zeit, in der die Menschheit in Europa den 30-jährigen Krieg erleiden musste, in der eine Pestepidemie der nächsten folgte und jeder Andersdenkende von der kirchlichen Inquisition verfolgt wurde und mit Folter und dem Tode rechnen musste, solche tiefen Gedanken niederschrieb?

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