Selbsterfahrung

Das Leben ist wie Zeichnen ohne Radiergummi

Vor ein paar Tagen fand ich neben der Kasse einer Buchhandlung einen Radiergummi. Er trug die Aufschrift: „Das Leben ist wie Zeichnen ohne Radiergummi”. Zuerst stutzte ich, das Leben soll sein wie Zeichnen ohne Radiergummi?

Ich überlege – wie ist es denn, wenn man zeichnet und keinen Radiergummi zur Hand hat? Ich mache einen Strich, er misslingt, aber ich kann ihn nicht wegradieren. Was mache ich jetzt? Ich könnte die Zeichnung so verändern, dass er irgendwie doch hinein passt. Ich könnte die falsche Linie einfach stehen lassen, aber das würde mir vielleicht nicht gefallen. Ich könnte das ganze Blatt überkritzeln, man sähe dann den falschen Strich nicht mehr. Aber die Zeichnung wäre nicht so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Ich könnte das Blatt auch zerknittern, zerreißen, verbrennen.

Das Leben soll sein wie Zeichnen ohne Radiergummi? Wie bin ich eigentlich bis jetzt mit der Zeichnung meines Lebens umgegangen? Habe ich falsche Entscheidungen als zu mir gehörig in mein „Lebensbild” integriert? Habe ich sie ignoriert, als „Ausrutscher” bagatellisiert? Habe ich sie überdeckt, verdrängt, versucht, sie unsichtbar zu machen? Ich spiele in Gedanken verschiedene Varianten durch und erkenne: Wirklich ungeschehen machen kann ich nichts, alles, was ich tat, hat irgendwelche Spuren hinterlassen. Spurenlos ausradieren – im wirklichen Leben klappt das nicht.

Aber ist das nicht hoffnungslos und entmutigend? Kann ich denn niemals neu anfangen? Nie die Vergangenheit hinter mir lassen? Gibt es keine Chance auf einen Neubeginn? Ein ewiges Hängen in der Vergangenheit? Wäre dies so, dann könnte man tatsächlich fast verzweifeln. Aber – es gibt einen Ausweg!

Das Geheimnis ist, mit all dem, was in uns aufgezeichnet ist, einen neuen Beginn zu wagen: Neu ist dann etwas ganz anderes – nämlich eine Umwendung der Sichtweise auf das, was hinter uns liegt. Wir erkennen dann, dass wir die meisten Probleme, die wir mit uns und mit anderen haben, nicht wirklich ändern können. Was aber möglich ist, wenn wir uns darauf einlassen, ist eine andere Sicht darauf.

So könnten wir uns zum Beispiel fragen: „Was hat dieses Problem mit mir zu tun?” oder: „Könnte dieses Problem nicht auch eine Hilfe sein, weil ich an ihm etwas Bestimmtes lernen soll?” Die Botschaft ist dann: Lerne, das Leben als eine Übungsschule zu verstehen. In dieser Schule darfst du Fehler machen, solche, die du korrigieren kannst und auch solche, mit denen du weiter leben musst. Diese Sicht wird möglich, wenn ein anderes Licht auf das Alte fällt. In diesem Licht, dem Gnosislicht, kann es uns gelingen, alte Probleme in einem neuen Licht zu sehen und auch einen anderen Umgang mit ihnen zu finden.

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