Natur

Das glückliche Gras

Es muss an einem Sommertag gewesen sein, vor ein paar Jahren. Ich war alleine unterwegs, draußen in der Natur, wo genau, weiß ich nicht mehr. Von meinem Weg aus konnte ich weit übers Land schauen. Ich erinnere mich, dass ich plötzlich Freude in mir fühlte, hier sein zu dürfen, in der Natur unter dem weiten, tiefen, blauen Himmel. Ich weiß nicht, wie es geschah, aber ich war plötzlich so froh, als sei ich verliebt. Und da schien es mir, als sei das Gras unter meinen Füßen auch glücklich.
Ohne Worte erzählte es mir in einem einzigen Moment seine Geschichte.

Es ließ mich erkennen, warum es so glücklich ist. Nämlich weil ein Mensch über seine Halme schritt, der gerade ganz offen war. Es war glücklich, weil es in diesem Moment ein Teppich für dieses Wesen, also für mich, sein durfte. (Mit Worten kann ich es nicht beschreiben. Es war etwa so, dass das Gras und ich uns gegenseitig erkannten). Und immer wenn so etwas geschieht, ist es für das Gras das größte Glück und die größte Erfüllung, denn dann hat es seine Aufgabe vollkommen erfüllt.

Seine Aufgabe sei – so interpretiere ich seine Botschaft -, dem Göttlichen in allen Wesen zu dienen. Dafür zu sorgen, dass Menschen und Tiere eine mit allen guten Gaben ausgestattete Grundlage haben. Das sei auch sehr oft mit Leiden verbunden, denn die Menschen seien meistens nicht offen und entsprächen dem Göttlichen in den Dingen nicht; sie seien in einem abgetrennten, ungesunden Zustand, wenn sie es mit ihren Füßen beträten. Sie richteten viel Unheil an, weil sie unachtsam und unbedacht seien und es verletzten und teilweise auch zerstörten und seine Gaben nicht annähmen und auch nicht anerkennten, aus Unwissenheit. Die meisten Menschen seien fast immer in ihrer Vorstellungswelt gefangen und würden daher nichts merken. Aber es wäre seine Aufgabe – so das Gras -, immer wieder seine beste und schönste Seite hervorzuholen, um den Menschen alle erdenklich guten Voraussetzungen zu schaffen, ihnen immer wieder eine neue Chance zu geben, den göttlichen Geist in den Dingen zu erkennen. Daher erhebe es sich immer wieder zu leuchtendem, duftendem Grün. Alle guten Gaben, die es habe, verschenke es aus Liebe zu den Menschen, die eigentlich göttliche Wesen seien. Für sie würde es verdorbenen Boden wieder regenerieren und immer wieder alles wunderbar angenehm und wunderschön grün machen, nur damit der göttliche Funke sich einmal im Menschen entflamme.

In dem Moment, in dem ein Mensch vom Geist berührt wird, besteht die Möglichkeit, dass er das Geistige in der Natur wahrnehmen kann. Und wenn so etwas geschieht – so das Gras -, ist es glücklich und freut sich und hat seine Aufgabe erfüllt.

Dann sah ich auch, dass alle anderen Pflanzen und auch die Tiere eine ähnliche Aufgabe haben. Die Bäume dienen dem Göttlichen, indem sie bestimmte kosmische Kräfte herunter transformieren, um der Erdensphäre der Menschen stets erneut eine reine Schwingung zur Verfügung zu stellen. Überhaupt ist es eine Aufgabe der Bäume, die degenerierte, verbrauchte Atmosphäre zu reinigen, und zwar auf allen Ebenen, auch auf der stofflichen. So bekommen die Menschen immer wieder die besten Voraussetzungen dafür, den göttlichen Plan zu erkennen und den Ruf zu vernehmen. Einige der Bäume sind Könige der Natur und geben doch alles, was sie haben, als vollkommene Diener. Sie nehmen alles auf sich, was die Menschheit anrichtet und gleichen es so weit wie möglich aus. Unermüdlich schaffen sie Lebensraum. Ohne die Bäume könnten wir nicht existieren. Sie verkörpern deutlich die göttliche Liebe in der Natur, die alles gibt und nichts dafür verlangt. Die Bäume sind auf ihre Art besondere, bewusste, liebende Wesen, die Anteil nehmen an dem Schicksal der Menschen.

Selbst die Luft zeigte mir in diesem Augenblick, wie sie sich immerzu opfert. Sie gibt ihr Bestes, um dem Göttlichen in allen Wesen zu dienen. Sie nimmt unglaublich viel auf sich und ist mit allen nur erdenklich guten Eigenschaften ausgestattet, um, wenn sie vergiftet wird, sich optimal zu reinigen und auf allen Ebenen wieder in frische Luft zu verwandeln. Selbst in dem Fall, in dem in einem Flugzeug, das ja viele Schadstoffe ausstößt, ein vom Göttlichen erfülltes Menschenwesen säße, wäre die Luft glücklich, denn sie hätte ihre Aufgabe vollkommen erfüllt.

Aus Unwissenheit gehen die Menschen oft so unbedarft und achtlos mit der Natur um, so dass das Gras und die Bäume und die Luft manchmal nicht mehr in der Lage sind, sich so schnell wieder zu regenerieren. Diese Einsicht mischte in diesen einen, großen Augenblick auch etwas Trauer hinein.

Ich habe auch eine Aufgabe, nämlich dieselbe, wie sie alle Menschen, wie sie alle Wesen haben: dem Göttlichen zu dienen, um ihm gleich zu werden. Wie alle Menschen, wie die ganze Natur, bin ich mit den Gaben ausgestattet, die nötig sind, um diesen Weg zu vollenden.

Aber ich könnte es nicht allein tun. Alles was mir fehlt, um meine Aufgabe zu erfüllen, wird mir überall um mich herum zur Verfügung gestellt, als wenn alle Lebewesen in Wirklichkeit nur ein Körper wären und gemeinsam an derselben Aufgabe arbeiteten (manche im Sichtbaren, manche im Unsichtbaren). Wenn auch nur ein Mensch seine Aufgabe erkennt und vollkommen erfüllt, ist es wie ein Hochzeitsfest, es ist für die ganze Schöpfung das größte Glück.

Dies alles leuchtete vor mir auf in einem kurzen, flüchtigen Moment. Nur noch vage erinnere ich mich an die Äußerlichkeiten. Mir scheint, mein Bewusstsein konnte nur sehr wenig von dem aufnehmen, was sich mir mitteilte, und in Wirklichkeit war alles unendlich viel größer, umfassender. Vieles entschlüsselte sich mir auch erst im Laufe der Zeit, als wenn der Moment irgendwo in mir immer noch weiter andauert, wie außerhalb der Zeit, dort, wo das Bewusstsein nur wenig Zutritt hat, an einem Ort, wo immerwährendes Verliebtsein existiert.

Foto: Rolf Mahr
1 Kommentar
  • Gisela HildebrandtBeantworten

    Ein beglückender, aufgezeigter Zusammenhang der Natur mit dem Göttlichen und des Menschen mit der göttlichen Kraft.

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