Selbsterfahrung

Das Ewige in uns

„Gott hat mit jedem von uns etwas gemeint, etwas versucht, und wir sind seine Gegner, wenn wir das nicht annehmen und ihm helfen, es zu verwirklichen.” So hat sich Hermann Hesse 1941 in einem Brief an einen Bekannten ausgedrückt. Was meint Hermann Hesse mit dieser Aussage? Bedeutet es nicht vielleicht, dass Gott uns helfen möchte, etwas in uns zu verwirklichen, etwas in uns zum Ausdruck zu bringen, aber mit unserer Mitarbeit?

Einst in meiner Kindheit – ich damals 5 Jahre alt – gingen meine Eltern mit meinen Brüdern und mir im Tessin auf einen Friedhof. Dort suchten wir zwei Gräber auf. Eines war von dem gerade verstorbenen Hermann Hesse und ein weiteres von einem berühmten Dirigenten. Meine Eltern erklärten mir, dass wir nicht ewig hier auf Erden sind, wir werden einmal sterben. Ich fragte: „Was ist denn der Tod?” Man sagte mir: Dann liegen wir unter der Erde, und alles ist ganz schwarz, und wir sind nicht mehr. In mir tat sich ein ganz spontaner Protest auf. Ich spürte eindeutig, dass das nicht stimmt, was meine Eltern mir erzählten. Ich war davon überzeugt, dass wir ewig existieren. Aber ich schwieg.

Der Geburtsort Hesse’s ist Montagnola, eine kleine Ortschaft in der italienischen Schweiz … Viele Jahre später kam ich zu dem Ort, wo Hermann Hesse gestorben ist … Ein Bogen spannte sich über eine Zeit, in der ich viel von Hesse gelesen hatte …

Und das, was sich mir in meiner frühesten Kindheit mit solch einer inneren Sicherheit mitteilte, wurde mir in Calw, dem Sterbeort Hesse’s, durch Freunde bestätigt: Der Mensch, der geboren wird, heranwächst, reift und wieder stirbt, hat ein ewiges Prinzip in sich. Und dieses Ewige in ihm stirbt nie. Es wird nur mit der Geburt eines Menschenkindes erneut von einer Körperlichkeit, von einer Persönlichkeit umkleidet, damit diese mit der Zeit – es kann sehr lange dauern – bewusst wird und eines Tages von diesem Ewigen in sich berührt und getroffen wird. Das ewig Lebende in uns ist immer das gleiche Prinzip, nur die Person, die wir hier auf Erden mit unseren Sinnesorganen wahrnehmen, ist stets wieder eine andere. Aber die Erfahrungen, die ein Mensch in seinem Leben macht, sind eingespeichert und umlagern dieses Ewige in uns. Bei einer Geburt wird dieser Erfahrungsschatz zusammen mit dem Ewigen wieder mitgegeben. Es ist die Erfahrungsernte desjenigen Menschen, der vor uns das Ewige verborgen in sich trug.

Warum hat der Mensch etwas ewig Dauerndes in der Mitte seines Systems, ja, in seinem Herzen? Die Persönlichkeit („personare” kommt aus dem Lateinischen und heißt übersetzt „hindurchtönen”) macht Erfahrungen in einem Wechselbad von Gegensätzen in dieser Welt: Gesundheit und Krankheit, Spannung und Entspannung, Liebe zu einem Menschen und die Enttäuschung – „das ist es nicht, was ich gesucht habe” – und die „Nichtliebe” folgt, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, es folgen aufeinander Glück und Unglück, das Gute (die Güte) und das Böse …

Der Mensch, die Persönlichkeit, durch die eines Tages das Ewige klingen wird, ist mürbe geworden von dem Wechselspiel der Farben, der Widersprüche und von der ständigen Zerrissenheit. Er fängt an, sich nach wahrem Frieden zu sehnen, nach tiefer Ruhe, nach emotionsloser Liebe, nach immerwährendem Glück. Er wünscht sich, frei zu sein von Anziehungen und Abstoßungen. Das Ewige in ihm flammt auf und wird ihm ein Wegweiser, ein Kompass, („compassare” = „mitschreiten”) ein Wegbegleiter.

Das ist es, was mir zur Gewissheit geworden ist. Es ist uns aufgegeben, jeden Tag daran zu arbeiten, dass das zarte Neue in uns nicht wieder von dem Gewöhnlichen, von der Gewohnheit, Trägheit oder Unbewusstheit überlagert wird. Stets erneut müssen wir darum ringen und in den Strudeln der heutigen, heftigst bewegten Zeit versuchen, uns auf unser Innerstes zu richten… und damit richten wir uns auf, sind symbolisch „gerade gerichtet”, aufrecht.

Der kleine Funke im Innersten wird mit der Zeit ein dauerhaft brennendes Feuer, das nicht mehr erlischt. Dieses Leuchtfeuer, dieser Leuchtturm sucht und trifft Menschen, die das Ewige in sich ebenfalls zur Wirksamkeit kommen lassen wollen. Und genau das, so meine ich, hat Gott mit uns allen vor.

Foto: Christel Achenbach
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