Selbsterfahrung

Danke, Ludwig

Es ist ein kalter, düsterer, verregneter Morgen. Regentropfen klatschen ans Fenster. Ein Sturmtief ist in den Nachrichten für unser Gebiet angekündigt worden. Noch ist es nicht angekommen, aber in meinem Inneren herrscht Unruhe. Gedanken wirbeln wie altes Laub und bleiben durchnässt und schwer irgendwo kleben.

Die letzten Tage waren nicht einfach gewesen und von bangen Erwartungen erfüllt. Heute fühle ich mich zerrissen, missverstanden, deprimiert, kraftlos, ausgelaugt. Was ist geschehen? Ich sitze am Frühstückstisch, tief in meine Gedanken versunken und versuche nun, mit dem Verstand zu analysieren. Was ist schief gelaufen? Hättest du früher etwas in eine bessere Richtung lenken können? Was ist dein Anteil an dem Geschehenen? Fragen über Fragen. Ich suche in der Vergangenheit, belebe alte Geschichten in der Hoffnung, hier eine Antwort zu finden. Umsonst! Es kommt keine.

Nur der Sturm legt jetzt richtig los. Ich höre die Schindeln an der Hauswand klappern. Meine Aufmerksamkeit wird für einen Augenblick nach außen gerichtet und nun höre ich auch das 4. Klavierkonzert, das schon eine Weile im Radio gespielt wird. Besser gesagt, ich höre das eindringliche Motiv des Klaviers, das bei mir anzuklopfen scheint, so als ob es mich wachrütteln und wahrgenommen werden will. Etwas widerwillig lasse ich mich darauf ein und lausche weiter. Nun scheint es mir so, als ob das Klavier dem Orchester etwas mitzuteilen hat. Dieses ignoriert jedoch die Botschaft und spielt sein eigenes Thema weiter. Doch das Klavier lässt nicht locker. Es formuliert sein Thema klar und deutlich. Nun entsteht eine kleine Pause und das Orchester setzt seine eigenen „Gedanken” dagegen. Wieder lässt das Klavier seine Botschaft erklingen, ebenso das Orchester. Beide Parteien beharren auf ihren Aussagen und kommen nicht zusammen. Das geht noch ein paar Takte so, bis das Orchester leiser wird. Nun braucht auch das Klavier sich nicht mehr so lautstark zu äußern. Ja, es scheint sogar zu lauschen und wird nun auch von dem Orchester verstanden. Erst zaghaft, dann immer freudiger wird das Verstehen, man geht auf einander zu und endlich erklingen wunderschöne gemeinsame Melodien. Das gefällt mir.

Plötzlich wird mir bewusst, das sich in mir etwas verändert hat. Es ist so, als ob sich äußeres Wahrnehmen und inneres Erleben durchdrungen haben, als ob mein äußeres Erleben die inneren Zustände verdeutlicht hat. Waren da nicht die zahlreichen lauten Stimmen eines Orchesters, die auf ihrer Meinung und Aussage beharrten? Die miteinander stritten und sich gegeneinander durchsetzen wollten? So wie meine Gedanken es auch taten. Und das Klavier, welche Botschaft bringt es mir? Es hat seine Aussage klar und deutlich geäußert, auch wenn sie einsam im Raum stand und weder aufgenommen noch beantwortet wurde, in der Gewissheit, dass die Botschaft zur rechten Zeit gehört, verstanden und angenommen wird.

Ich bin sprachlos, erstaunt und beglückt. Hier hat vor etwa 200 Jahren ein Mensch seine Botschaft für mich in Musik gesetzt und heute habe ich sie verstehen können. Da sind zwei Zustände in mir. Der eine beharrt auf Altbekanntem, schlägt sich mit Sorgen herum, versucht mit seiner Persönlichkeit und seinem Denken alles zu meistern und zu regeln und scheitert. Und es gibt einen Zustand, der sich nach etwas sehnt, das ich mit Klarheit, Harmonie, innerer Stille und Weisheit bezeichnen möchte.

Das Klavier hat mir Mut gemacht, denn es hat mir als Botschaft gebracht: Da ist etwas, das bei mir immer wieder anklopft, seine Stimme klar vernehmen und sich nicht entmutigen lässt, auch wenn ich nicht reagiere. Es gibt einen Ausweg aus dem Stimmengewirr in mir zu einem Ort voll wohltuender Ruhe und innerlicher Stille. In dieser Stille wird mir Kraft geschenkt und ich kann neue Impulse empfangen. Außerdem weiß ich, dass ich wieder zu diesem Punkt gelangen kann, dass es mir immer leichter fallen wird, denn der Weg dorthin hat sich, wie ein Hohlweg, in mein Bewusstsein eingegraben.

Hinweis: CD Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58 mit Alfred Brendel und Sir Simon Rattle, Wiener Philharmoniker
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